Die Streife rechnet sich nicht mehr: Warum das Wachgewerbe an der eigenen Lohnquote hängt
In kaum einer Branche ist der Anteil der Personalkosten am Umsatz so hoch wie im Bewachungsgewerbe. Steigende Tariflöhne treffen dort auf eine Sicherheitstechnik, die einfache Präsenzdienste zunehmend übernimmt – und stellen ein Geschäftsmodell infrage, das jahrzehntelang über verkaufte Stunden funktionierte.
Das Bewachungsgewerbe gehört zu den personalintensivsten Wirtschaftszweigen Deutschlands. Rund 260.000 Beschäftigte arbeiten nach Branchenangaben in Wach- und Sicherheitsdiensten – als Objektschützer in Logistikzentren, an Werkstoren, in Einkaufszentren, auf Baustellen und in Erstaufnahmeeinrichtungen. Das Produkt, das diese Unternehmen verkaufen, ist im Kern eine sehr einfache Einheit: die besetzte Stunde. Genau diese Einheit gerät derzeit von zwei Seiten unter Druck.
Vier von fünf Euro gehen an das Personal
Die erste Seite ist die Kostenstruktur. In Branchendarstellungen wird der Anteil der Personalkosten am Umsatz regelmäßig mit 80 bis 85 Prozent angegeben – ein Wert, wie ihn sonst kaum ein Dienstleistungssektor erreicht. Er bedeutet: Jede Lohnerhöhung schlägt nahezu ungebremst auf die Kalkulation durch. Anders als in der Industrie lässt sich der Effekt nicht durch Materialeinkauf, Energieeffizienz oder Skaleneffekte abfedern. Wer eine Nachtschicht am Werkstor anbietet, hat wenig, woran er sonst noch drehen könnte.
Zugleich steigen die Löhne spürbar. Der gesetzliche Mindestlohn kletterte zum 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro und soll zum 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro steigen – zusammen ein Plus von rund 13,9 Prozent gegenüber dem vorherigen Niveau. In der Sicherheitsbranche selbst haben der Arbeitgeberverband BDSW und die Gewerkschaft ver.di für 2026 Tarifabschlüsse erzielt, die die Stundenentgelte im Durchschnitt um etwa 3,5 bis 3,7 Prozent anheben; die unterste Lohngruppe im Objektschutz liegt je nach Bundesland bei rund 14,90 bis 15,15 Euro. Viele der Verträge laufen bis Ende 2027 und sehen eine zweite Stufe vor.
Für die Betriebe heißt das: Die Kosten der verkauften Stunde sind auf Jahre hinaus planbar steigend. Ob sich diese Steigerung auch im Preis durchsetzen lässt, ist dagegen offen – gerade dort, wo Aufträge über öffentliche Ausschreibungen oder Einkaufsabteilungen vergeben werden und der Stundensatz das dominierende Vergabekriterium bleibt.
Die zweite Seite: Technik übernimmt die einfachen Dienste
Parallel dazu verändert sich, was überhaupt an Personal gebraucht wird. Fernüberwachte Videosysteme, automatische Detektion und Leitstellentechnik haben in den vergangenen Jahren an Leistungsfähigkeit gewonnen, während die Preise für Kameras, Übertragung und Auswertung gefallen sind. Fachpublikationen aus der Branche beschreiben seit längerem denselben Mechanismus: Einfache Präsenz- und Kontrollaufgaben – die klassische nächtliche Rundenkontrolle auf einem eingezäunten Areal – lassen sich technisch abbilden, während anspruchsvollere Tätigkeiten beim Menschen bleiben.
Von einem Verschwinden der Branche zu sprechen, wäre trotzdem verfehlt. Die Bundesagentur für Arbeit registrierte 2024 monatlich zwischen etwa 7.800 und 8.900 offene Stellen im Schutz- und Sicherheitsbereich. Der Engpass liegt also nicht bei der Nachfrage nach Sicherheitsleistungen, sondern beim Personal, das sie erbringen soll. Beides zusammen ergibt ein eigentümliches Bild: eine Branche, die gleichzeitig zu teuer und unterbesetzt ist.
Vom Stundenverkäufer zum Dienstleister
Wohin sich das entwickelt, lässt sich derzeit eher beschreiben als prognostizieren. Sichtbar ist eine Verschiebung des Tätigkeitsprofils: weg von der reinen Anwesenheit, hin zu Leitstellenarbeit, Videoauswertung, Alarmvorprüfung, Interventionsfahrten und dem Betrieb technischer Systeme. Das setzt Qualifikation voraus – die im Zweifel wieder teurer ist als die ungelernte Nachtwache, dafür aber eine Leistung darstellt, die sich nicht allein über den Stundenpreis vergleichen lässt.
Einzelne Marktteilnehmer prognostizieren einen regelrechten Preisverfall bei klassischen Bewachungsdienstleistungen bis zum Ende des Jahrzehnts. Belastbare Marktdaten, die eine solche Entwicklung stützen oder widerlegen, liegen bislang nicht vor; solche Aussagen sind daher als Einschätzung einzelner Anbieter zu lesen, nicht als gesicherte Prognose. Unstrittig ist der Ausgangsbefund: Ein Geschäftsmodell, dessen Kosten zu über 80 Prozent aus Löhnen bestehen und dessen einfachste Leistungen zunehmend automatisierbar sind, steht vor einer Anpassung. Für mittelständische Wachunternehmen dürfte die entscheidende Frage weniger lauten, ob sie Technik einsetzen – sondern ob sie sie selbst betreiben oder von jemand anderem betreiben lassen.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung.