Die Software, die keiner mehr anfassen will: Warum alte Firmenprogramme zum Risiko werden
Ein Anbieter kündigt eine Plattform an, die betagte Datenbanklösungen modernisieren soll. Hinter der Produktmeldung steckt ein Problem, das viele Betriebe kennen: gewachsene Software, die zuverlässig läuft – bis sie es plötzlich nicht mehr tut.
Migration als Verkaufsargument
Wenn ein Softwarehaus eine neue Entwicklungsplattform vorstellt, ist das für sich genommen keine Nachricht. Interessant wird es an der Stelle, an der ein aktueller Anbieter laut eigenen Angaben gleich drei Dinge verspricht: die Ablösung alter Datenbankanwendungen, die Einbindung künstlicher Intelligenz und eine „moderne Softwarearchitektur“. Die Kombination verrät, wo bei vielen Unternehmen der Schuh drückt – nicht bei glänzenden neuen Funktionen, sondern bei der Frage, was mit den in die Jahre gekommenen Programmen geschehen soll, auf denen der Betrieb seit Jahren läuft.
Was Werkzeuge wie FileMaker zum Sonderfall machen
Häufig genannt wird in diesem Zusammenhang FileMaker, heute unter dem Namen Claris FileMaker geführt und von einer Apple-Tochter entwickelt. Die Plattform blickt auf mehr als vier Jahrzehnte zurück und war ursprünglich eine Datenbanklösung, mit der auch Nicht-Programmierer eigene Anwendungen bauen konnten – gewissermaßen ein früher Vertreter dessen, was heute „Low-Code“ heißt. Genau diese Zugänglichkeit hat über die Jahre unzählige maßgeschneiderte Insellösungen hervorgebracht: die Kundendatenbank der Arztpraxis, die Auftragsverwaltung des Handwerksbetriebs, das Lagerprogramm des Großhändlers. Sie tun, was sie sollen. Das Problem beginnt, wenn sie es eines Tages nicht mehr tun.
Das eigentliche Thema heißt technische Schulden
In der Softwareentwicklung gibt es dafür einen Begriff: technische Schulden. Gemeint ist der Aufwand, der sich anhäuft, wenn eine Lösung über Jahre erweitert, geflickt und an neue Anforderungen angepasst wird, ohne dass jemand das Fundament grundlegend erneuert. Individualsoftware ist dafür besonders anfällig. Oft hängt das Wissen über ihren Aufbau an einer einzigen Person – einem externen Dienstleister oder einem Mitarbeiter, der längst in Rente ist. Fällt diese Wissensquelle weg, wird jede kleine Änderung zum Risiko. Hinzu kommen Fragen der Sicherheit und der Kompatibilität: Ältere Systeme erhalten irgendwann keine Updates mehr, vertragen sich nicht mit neuen Betriebssystemen oder erfüllen aktuelle Datenschutzanforderungen nur mit Mühe.
Umstieg ist kein Knopfdruck
So naheliegend eine Modernisierung klingt, so aufwendig ist sie in der Praxis. Eine gewachsene Anwendung besteht nicht nur aus Daten, sondern aus einem oft undokumentierten Geflecht von Abläufen, Sonderregeln und Schnittstellen zu anderen Programmen. Wer migriert, muss dieses Geflecht zunächst verstehen, bevor er es übertragen kann. Werbeversprechen, die einen weitgehend automatischen Umstieg – neuerdings gern mithilfe von KI – in Aussicht stellen, sind deshalb mit Vorsicht zu betrachten. Sie können Teile der Arbeit erleichtern, etwa das Auslesen bestehender Strukturen, ersetzen aber nicht die Entscheidung, welche Funktionen überhaupt mitgenommen werden sollen und welche man besser hinter sich lässt.
Was Betriebe abwägen sollten
Ein Grund zur Hektik ist all das nicht. Eine funktionierende Anwendung muss nicht überstürzt ersetzt werden, nur weil sie alt ist. Sinnvoll ist eher der nüchterne Blick auf drei Fragen: Wie gut ist das System dokumentiert und wie viele Menschen könnten es im Notfall warten? Ließe sich der Zweck heute auch mit einer Standardlösung erfüllen, oder rechtfertigt der Sonderfall den Aufwand einer eigenen Anwendung? Und wie steht es um Datensicherheit und Datenschutz? Wer diese Punkte kennt, kann eine Modernisierung planen, statt von einem Ausfall überrascht zu werden – und das ist am Ende der eigentliche Unterschied zwischen Software, die man beherrscht, und Software, die man nur noch fürchtet.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends. Einzelne Produkt- und Herstellerangaben geben den Stand der jeweiligen Anbieter wieder und wurden nicht unabhängig geprüft.