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Die Marke, die von selbst spricht: Wie KI-Personas in die Unternehmenskommunikation drängen

Ein Schweizer Anbieter will künstliche Intelligenz zu einer festen „Persona" mit Markenstimme formen, die im Kundendialog antwortet. Dahinter steht ein Trend, der Chatbots hinter sich lässt – und der ausgerechnet in dem Moment Fahrt aufnimmt, in dem Brüssel klare Kennzeichnungspflichten für KI in Kraft setzt.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Kundinnen und Kunden erwarten schnelle, rund um die Uhr verfügbare Antworten – und Unternehmen suchen nach Wegen, diesen Anspruch zu bedienen, ohne ihre Belegschaft zu überlasten. In diese Lücke stößt eine neue Generation von Werkzeugen, die künstliche Intelligenz nicht mehr nur als anonymen Frage-Antwort-Automaten begreift, sondern als eigenständige „Persona" mit fester Stimme, definiertem Wissen und wiedererkennbarem Auftreten. Ein Schweizer Technologieanbieter etwa verbindet nach eigenen Angaben KI mit Unternehmenswissen, Markenidentität und geregelten Kommunikationsprozessen, um genau eine solche synthetische Gesprächspartnerin zu schaffen. Der Einzelfall steht für eine breitere Verschiebung in der Unternehmenskommunikation.

Vom Chatbot zur Charakterrolle

Der Unterschied zum klassischen Chatbot ist mehr als kosmetisch. Frühere Systeme arbeiteten Skripte ab und scheiterten, sobald eine Frage vom vorgesehenen Pfad abwich. Eine KI-Persona hingegen soll auf großen Sprachmodellen aufsetzen, frei formulieren und dabei konsequent im Ton und Wissensrahmen einer Marke bleiben. Sie bekommt einen Namen, eine Haltung, mitunter ein Gesicht – und wird mit den Inhalten des Unternehmens gefüttert, damit sie zu Produkten, Prozessen oder Servicefragen belastbar antwortet. Für Marketing- und Serviceabteilungen ist die Verlockung offensichtlich: Eine Stimme, die niemals Feierabend hat, in mehreren Sprachen spricht und die Kernbotschaften der Marke nicht vergisst.

Befürworter argumentieren, dass eine solche Figur Konsistenz schafft, wo menschliche Teams zwangsläufig schwanken. Wo früher zehn Mitarbeitende zehn leicht unterschiedliche Auskünfte gaben, soll die Persona eine einheitliche Linie halten. Kritiker halten dagegen, dass genau diese geglättete Einheitlichkeit auch der Punkt sein kann, an dem Kommunikation ihre Glaubwürdigkeit verliert – weil sie perfekt klingt, aber niemand mehr dahintersteht.

Das Vertrauensproblem

Denn die Technik erbt die bekannten Schwächen generativer KI. Sprachmodelle können Fakten erfinden, veraltete Informationen selbstbewusst vortragen oder in heiklen Fällen unpassend reagieren. Trägt eine solche Antwort das Gesicht und den Namen einer Marke, wird aus einem technischen Fehler schnell ein Reputationsschaden. Anbieter versprechen deshalb Leitplanken – klar abgegrenzte Wissensbestände, Freigabeprozesse, Eskalation an echte Menschen. Wie gut diese Sicherungen im Alltag greifen, lässt sich von außen kaum beurteilen und dürfte stark vom einzelnen Einsatz abhängen.

Hinzu kommt die Frage der Ehrlichkeit. Eine Persona, die menschlich wirkt, kann Nutzerinnen und Nutzer im Unklaren darüber lassen, ob sie gerade mit einer Maschine sprechen. Genau hier setzt inzwischen auch der Gesetzgeber an.

Neue Pflichten aus Brüssel

Seit dem 2. August 2026 gelten die Transparenzvorgaben aus Artikel 50 der europäischen KI-Verordnung. Sie verlangen unter anderem, dass ein System, das direkt mit Menschen interagiert, sich als KI zu erkennen gibt, und dass künstlich erzeugte Inhalte entsprechend gekennzeichnet werden. Für KI-Personas heißt das: Der Hinweis, dass hier kein Mensch antwortet, ist keine freiwillige Geste mehr, sondern rechtliche Anforderung. Bei Verstößen drohen empfindliche Bußgelder, die je nach Fall bis in Millionenhöhe oder einen Anteil des weltweiten Jahresumsatzes reichen können. Für vor dem Stichtag eingeführte Systeme greift bei der Kennzeichnung KI-erzeugter Inhalte eine kurze Übergangsfrist.

Für Unternehmen verschiebt sich damit die eigentliche Aufgabe. Die Frage ist weniger, ob sich eine Marke eine sprechende KI-Figur leisten kann, sondern wie viel Menschlichkeit sie vortäuschen darf, ohne gegen Kennzeichnungspflichten zu verstoßen oder das Vertrauen der Kundschaft zu verspielen. Eine Persona, die offen als Maschine auftritt und trotzdem hilfreich bleibt, wäre der ehrlichere – und womöglich der belastbarere – Weg. Ob der Markt diesen Weg wählt oder auf möglichst täuschend echte Auftritte setzt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Rechtsberatung. Für die konkrete Bewertung eigener KI-Anwendungen sollten Unternehmen fachkundigen Rat einholen.