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Die Bohne oder die Maschine: Warum kleine Röstereien den Gastronomiemarkt aufrollen

Gastronomiebetriebe investieren fünfstellige Beträge in Siebträgermaschinen und kaufen den Kaffee dazu beim Großhändler. Kleine Spezialitätenröster kehren diese Reihenfolge gerade um – und stoßen dabei auf ein Geschäftsmodell, das seit Jahrzehnten anders herum funktioniert hat.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

In der Gastronomie hat sich über Jahrzehnte eine Reihenfolge eingespielt, die kaum jemand hinterfragt: Zuerst kommt die Maschine, dann der Kaffee. Große Röstereien stellen Siebträger oder Vollautomaten zu günstigen Konditionen, teils kostenlos, und binden den Betrieb im Gegenzug über mehrere Jahre an die Abnahme ihrer Bohnen. Für den Wirt ist das bequem – die Investition entfällt, Wartung und Service sind geregelt. Für den Röster ist es ein verlässlicher Absatzkanal.

Genau dieses Modell gerät gerade unter Druck. Kleine Spezialitätenröster, die sich lange auf Endkunden und den eigenen Ladenverkauf konzentriert haben, drängen zunehmend ins Geschäft mit Cafés, Restaurants, Hotels und Büros. Ihr Argument dreht die eingespielte Logik um: Nicht die Maschine entscheide über die Tassenqualität, sondern die Bohne und das Wissen darüber, wie sie zu behandeln ist.

Ein Markt, der sich verdoppelt hat – und nun stockt

Die Zahlenbasis dafür ist überschaubar, aber aussagekräftig. In Deutschland sind beim Zoll deutlich über tausend Kaffeeröster registriert; der weit überwiegende Teil davon sind Kleinstbetriebe, die im Vergleich zu den Großröstereien verschwindende Mengen verarbeiten. Branchenschätzungen gehen von mehreren hundert kleinen Spezialitätenröstereien aus, deren Zahl sich seit 2010 etwa verdoppelt hat.

Dieses Wachstum hat sich zuletzt spürbar verlangsamt. Beobachter der Szene berichten, dass sich Neugründungen und Geschäftsaufgaben erstmals seit rund zwei Jahrzehnten etwa die Waage halten. Der Endkundenmarkt gilt als weitgehend verteilt: Wer eine Röstung mit Herkunftsangabe und Röstdatum kaufen will, findet sie inzwischen im Supermarktregal. Der Ausweg, den viele Betriebe suchen, führt deshalb ins B2B-Geschäft – dorthin, wo größere Mengen mit planbarem Rhythmus abgenommen werden.

Warum das Setup wichtiger ist als das Gerät

Das inhaltliche Argument der kleinen Röster ist technisch nachvollziehbar. Zwischen Bohne und Tasse liegen mehrere Stellgrößen, die im Alltag oft unbeachtet bleiben: der Mahlgrad und dessen tägliche Nachjustierung, die Brühtemperatur, der Anpressdruck, die Wasserhärte und die Frische der Röstung. Eine hochwertige Maschine kann diese Faktoren nicht kompensieren – sie macht bestenfalls reproduzierbar, was vorher richtig eingestellt wurde.

Daraus ergibt sich ein Geschäftsmodell, das weniger über den Kilopreis funktioniert als über Beratung: Einweisung des Personals, regelmäßige Kalibrierung, Anpassung der Röstung an das jeweilige Gerät und das lokale Wasser. Es ist ein Dienstleistungsgeschäft, das an ein Produkt gekoppelt ist – und das sich gerade deshalb schlecht über Ausschreibungen und Preisvergleiche abbilden lässt.

Die Schwachstelle: Menge, Verfügbarkeit, Fluktuation

Zwei Probleme bleiben. Das erste ist die Skalierung. Ein Gastronomiebetrieb, der über Wochen ausfallende Lieferungen oder wechselnde Geschmacksprofile erlebt, wechselt schnell zurück zum Großanbieter. Kleine Röster kaufen Rohkaffee in Chargen, die naturgemäß variieren; die Konstanz, die Großröstereien über Verschnitt und Lagerhaltung herstellen, ist im Kleinbetrieb aufwendiger zu erreichen.

Das zweite ist die Personalfluktuation in der Gastronomie. Wissen, das in einer Schulung vermittelt wird, verlässt den Betrieb mit der Person, die es erworben hat. Beratungsintensive Modelle setzen eine Personalstabilität voraus, die in der Branche selten gegeben ist – ein Grund, warum das alte Modell aus gestellter Maschine und langfristigem Liefervertrag trotz aller Kritik so robust ist.

Was sich abzeichnet, ist deshalb weniger eine Verdrängung als eine Segmentierung: Betriebe, für die Kaffee ein Nebenprodukt ist, bleiben beim gestellten Vollautomaten. Betriebe, die ihn als eigenständigen Umsatzträger begreifen, rechnen zunehmend anders.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Bewertung einzelner Anbieter.