Dating ohne Wischen: Warum Singles das Kennenlernen wieder offline suchen
Nach Jahren des Swipens berichten viele Singles von Erschöpfung. Neue Formate wie Wander- oder Koch-Events wollen das Kennenlernen wieder ins echte Leben holen – ein Blick auf einen Gegentrend zur App-Kultur.
Rechts wischen, links wischen, ein kurzes Match, dann Funkstille – für viele Singles ist die Routine der Dating-Apps zu einer ermüdenden Nebenbeschäftigung geworden. Unter Begriffen wie „Dating Fatigue" oder „Swipe-Müdigkeit" beschreiben Nutzerinnen und Nutzer seit einiger Zeit ein Gefühl der Erschöpfung angesichts endloser Profile, oberflächlicher Chats und Verabredungen, die im Sande verlaufen. Als Reaktion darauf entstehen zunehmend Angebote, die das Kennenlernen bewusst wieder ins echte Leben verlagern: Wanderungen, gemeinsames Kochen, Sportgruppen oder moderierte Single-Abende. Einzelne Anbieter werben inzwischen offensiv mit dem Versprechen, Menschen „ohne App" zusammenzubringen. Der Trend verdient eine nüchterne Einordnung – jenseits der Marketingversprechen.
Warum die App-Müdigkeit entsteht
Dating-Apps haben das Kennenlernen in den vergangenen fünfzehn Jahren grundlegend verändert. Sie erweitern den Kreis potenzieller Partner enorm und senken die Hürde, überhaupt Kontakt aufzunehmen. Genau diese Fülle kann jedoch zum Problem werden. Verhaltensforschung spricht vom „Paradox der Wahl": Je größer das Angebot, desto schwerer fällt die Entscheidung – und desto größer ist die Sorge, eine vermeintlich bessere Option zu verpassen. Hinzu kommt, dass viele Apps auf möglichst lange Nutzungsdauer optimiert sind. Ein schnelles, dauerhaftes Paar ist aus Sicht eines werbefinanzierten Dienstes nicht zwangsläufig das wirtschaftlich attraktivste Ergebnis. Nutzerinnen und Nutzer berichten außerdem von Frust über sogenanntes „Ghosting", über geschönte Profile und über Gespräche, die selten über Belanglosigkeiten hinauskommen.
Der Reiz des Analogen
Offline-Formate setzen an diesen Schwachstellen an. Wer gemeinsam wandert, kocht oder an einem Kurs teilnimmt, erlebt sein Gegenüber unmittelbar: Stimme, Humor, Körpersprache und Verhalten in der Gruppe sagen oft mehr aus als ein sorgfältig kuratiertes Profil. Zugleich nimmt ein gemeinsames Erlebnis den Druck aus der Situation, weil nicht das Date selbst, sondern die Aktivität im Mittelpunkt steht. Dass solche Angebote überhaupt eine Zielgruppe finden, hängt auch mit der Demografie zusammen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist inzwischen rund ein Drittel aller Haushalte in Deutschland ein Einpersonenhaushalt. Nicht alle dieser Menschen suchen aktiv eine Beziehung, doch der Bedarf an unkomplizierten Gelegenheiten, andere kennenzulernen, ist unübersehbar.
Kein Zurück in die Zeit vor den Apps
Bei aller Sympathie für das persönliche Treffen sollte der Gegentrend nicht überhöht werden. Offline-Events sind organisatorisch aufwendiger, oft kostenpflichtig und erreichen naturgemäß weniger Menschen als eine App mit Millionen Profilen. Auch die Erfolgsquote lässt sich kaum seriös beziffern, weil belastbare Studien fehlen und Anbieter verständlicherweise ihre eigenen Formate in gutem Licht darstellen. Realistisch ist deshalb weniger die Rückkehr in die Zeit vor den Apps als vielmehr ein Nebeneinander: Digitale Plattformen bleiben für viele der erste Kontaktweg, während Veranstaltungen eine Ergänzung für jene bieten, die den Bildschirm satthaben.
Worauf Interessierte achten können
Wer ein Single-Event ausprobieren möchte, sollte auf einige Dinge achten. Seriöse Veranstalter kommunizieren transparent, wie viele Personen teilnehmen, welche Altersgruppe angesprochen wird und was im Preis enthalten ist. Ein gutes Format lebt von der Moderation und davon, dass niemand zu etwas gedrängt wird. Skepsis ist angebracht, wenn mit garantierten Erfolgen oder mit angeblich wissenschaftlich abgesicherten „Matching-Methoden" geworben wird, ohne dass diese offengelegt werden. Letztlich gilt für das analoge wie für das digitale Kennenlernen dieselbe unromantische Wahrheit: Es braucht Zeit, Offenheit und eine Portion Glück. Neu ist allenfalls, dass immer mehr Menschen dieses Glück lieber am Wanderweg oder am Herd suchen als im Profilstapel ihres Smartphones.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines gesellschaftlichen Trends und keine Empfehlung für einzelne Anbieter oder Veranstaltungen.
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