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Das Vlies, das keiner will: Warum Wolle für deutsche Schäfereien zum Zuschussgeschäft wurde

Wenn eine oberschwäbische Schäfereigenossenschaft Ende Juli ihr Lager öffnet, ist das mehr als ein Sommerfest: Es zeigt, wie Direktvermarktung zum Überlebensweg einer Branche wird, deren Rohstoff auf dem Weltmarkt kaum noch etwas wert ist.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Ende Juli öffnet die Schäfereigenossenschaft Finkhof im oberschwäbischen Arnach für zwei Tage ihr Lager und ihre Manufakturen: Besucher können zwischen Einzelstücken und Auslaufmodellen aus Wolle stöbern, dahinter steht ein Betrieb, der Schafhaltung, Spinnerei und Versandhandel unter einem Dach vereint. Was nach ländlicher Sommeridylle klingt, ist bei näherem Hinsehen ein Lehrstück darüber, wie eine ganze Branche mit der Entwertung ihres einst wichtigsten Produkts umgeht.

Ein Rohstoff unter Wert

Wolle war über Jahrhunderte der Grund, überhaupt Schafe zu halten. Heute ist sie für die meisten deutschen Betriebe ein Verlustposten. Die Fachpresse spricht von einer Wollkrise, die den Markt rund sechs Jahre lang am Boden hielt: Zeitweise wurden für das Kilo Rohwolle um die 30 Cent gezahlt – weniger, als die Schur kostet. Selbst für hochwertige weiße Merinowolle lagen die Erzeugerpreise zuletzt bei rund 80 Cent je Kilogramm, während gemischte oder pigmentierte Wolle vielerorts praktisch unverkäuflich blieb. Die Schur selbst ist dabei keine Option, sondern Pflicht: Aus Tierschutzgründen müssen Schafe regelmäßig geschoren werden, unabhängig davon, ob sich das Vlies verkaufen lässt.

Die Gründe für den Preisverfall liegen größtenteils außerhalb Deutschlands. Der Weltmarkt wird von australischer und neuseeländischer Merinowolle dominiert, deren Feinheit die gröbere Wolle hiesiger Landschafrassen für die Textilindustrie unattraktiv macht. Dazu kamen die Nachfrageeinbrüche der Pandemiejahre und die anhaltende Konkurrenz durch billige Synthetikfasern. Immerhin: Beobachter der Agrarmärkte berichten, dass der internationale Trend zuletzt wieder nach oben zeigt – ob davon auch bei deutschen Schafhaltern etwas ankommt, dürfte sich erst nach der Vermarktungssaison zeigen.

Wertschöpfung statt Weltmarkt

Interessant ist, welche Auswege sich Betriebe gesucht haben. Der wohl wichtigste: die Wertschöpfung ins eigene Haus holen. Wer seine Wolle nicht als anonymen Rohstoff an den Großhandel gibt, sondern selbst waschen, spinnen und verarbeiten lässt – zu Strickgarn, Bettdecken, Filzprodukten oder Kleidung –, erzielt ein Vielfaches des Rohwollpreises. Genau dieses Modell verfolgen genossenschaftlich organisierte Betriebe wie der Finkhof seit Jahrzehnten; der jährliche Lagerverkauf ist dabei zugleich Schaufenster und Kundenbindung.

Ein zweiter Weg führt weg vom Textil: Wollpellets als Gartendünger haben sich zu einer ernstzunehmenden Nische entwickelt. Die gepressten Pellets speichern Wasser, geben Nährstoffe langsam ab und erzielen ab Hof Preise von etwa sechs bis zehn Euro je Kilogramm – ein Vielfaches dessen, was dieselbe Wolle als Rohware einbrächte. Auch als Dämmstoff oder Mulchmaterial findet die Faser neue Verwendungen, wenngleich die Mengen den Gesamtmarkt bislang nicht tragen.

Mehr als ein Nischenproblem

Dass die Wollfrage über die Branche hinaus Bedeutung hat, liegt an der zweiten Rolle der Schäferei: der Landschaftspflege. Wanderschäfer halten Deiche, Heiden und Magerrasen offen – Aufgaben, die maschinell kaum oder nur teurer zu leisten wären. Viele dieser Betriebe wirtschaften seit Jahren am Limit; die Zahl der Schafhaltungen in Deutschland sinkt seit Langem. Wenn der Rohstoff Wolle wieder einen Teil der Kosten decken würde, wäre das für diese Strukturen mehr wert als manches Förderprogramm.

Bis dahin gilt, was der Lagerverkauf in Arnach im Kleinen vorführt: Die Zukunft der deutschen Wolle liegt derzeit weniger auf dem Weltmarkt als im direkten Kontakt zwischen Erzeuger und Kundschaft – beim Garn aus regionaler Schur, der Decke aus eigener Manufaktur oder dem Düngepellet fürs Hochbeet.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Meldungen und Branchenberichte.

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