Das Bild, in dem man sich verliert: Warum Unternehmen das Wimmelbild als Werbemittel entdecken
Ein Grafiker fertigt individuelle Wimmelbilder für Firmen an. Hinter der verspielten Idee steckt eine ernste Frage der Werbung: Wie hält man Aufmerksamkeit fest in einer Zeit, in der Bilder in Sekunden weggewischt werden?
Ein Werbegrafiker meldet, er entwerfe individuelle Wimmelbilder für Unternehmen und Organisationen – dicht bevölkerte Szenen, in denen sich Produkte, Mitarbeiter und kleine Geschichten verstecken. Was zunächst wie eine Rückkehr ins Kinderzimmer klingt, ist tatsächlich ein bemerkenswerter Kontrapunkt zur restlichen Werbewelt. Denn während die meisten Marken um immer kürzere Aufmerksamkeitsfenster kämpfen, setzt das Wimmelbild auf das genaue Gegenteil: Es will, dass man verweilt.
Vom Kinderbuch zur Kommunikationsform
Der Begriff „Wimmelbuch" wird gemeinhin dem Münchner Illustrator Ali Mitgutsch zugeschrieben, dessen großformatige Szenen ohne Text seit den 1960er-Jahren Generationen von Kindern beschäftigt haben. Das Prinzip ist simpel und wirkungsvoll zugleich: Auf einer einzigen Fläche passiert alles gleichzeitig, und das Auge muss sich seinen Weg selbst suchen. Es gibt keinen vorgegebenen Anfang, kein Ende, keine Leserichtung – nur eine Fülle, die zum Entdecken einlädt.
Dass dieses Format inzwischen den Weg in die Unternehmenskommunikation findet, ist kein Zufall. Illustration erlebt seit einigen Jahren eine allgemeine Renaissance: In einer Bilderflut, die zu großen Teilen aus austauschbaren Stockfotos und zunehmend aus KI-generierten Motiven besteht, wirkt eine handgezeichnete, unverwechselbare Szene wie ein Signal von Sorgfalt. Das Wimmelbild treibt diesen Effekt auf die Spitze, weil es sich einer schnellen Konsumierbarkeit bewusst verweigert.
Warum das Verweilen funktioniert
Aus Sicht der Aufmerksamkeitsforschung ist das interessant. Wer ein Bild nur überfliegt, behält kaum etwas davon. Wer dagegen aktiv sucht – nach einer versteckten Figur, einem Detail, einer Anspielung – verbringt nicht nur mehr Zeit mit dem Motiv, sondern verarbeitet es tiefer. Diese sogenannte „Verweildauer" gilt in der Werbepsychologie als wertvolle Währung, weil sie die Chance erhöht, dass eine Botschaft überhaupt hängen bleibt.
Hinzu kommt ein spielerischer Reiz. Ein gut gemachtes Wimmelbild funktioniert wie ein Suchspiel und aktiviert damit eine Belohnungslogik: Jedes gefundene Detail ist ein kleiner Erfolg. Unternehmen nutzen das etwa, um komplexe Abläufe, ein ganzes Produktsortiment oder die vielen Stationen einer Lieferkette auf einen Blick darzustellen – Dinge, die als nüchterne Aufzählung schnell ermüden. Auch im Employer Branding tauchen solche Szenen auf, wenn ein Betrieb seine Abteilungen und Berufsbilder anschaulich und mit Augenzwinkern zeigen will.
Zwischen Hingucker und Spielerei
So charmant das Format ist, es hat Grenzen. Ein Wimmelbild braucht Zeit – Zeit in der Erstellung, denn jede Szene muss von Hand konzipiert und gezeichnet werden, und Zeit beim Betrachten. Genau das macht es für flüchtige Kanäle wie eine Anzeige im Social-Media-Feed ungeeignet, wo ohnehin nur Bruchteile einer Sekunde bleiben. Seine Stärke entfaltet es eher dort, wo Menschen sich bewusst einlassen: auf einer Messewand, in einer Broschüre, auf einer Landingpage, die zum Stöbern einlädt.
Auch die Barrierefreiheit ist ein blinder Fleck. Ein Bild, dessen Botschaft im Detail steckt, erschließt sich Menschen mit Sehbeeinträchtigung nur schwer und lässt sich kaum in eine knappe Bildbeschreibung übersetzen. Und es gibt die Gefahr, dass die Form die Botschaft verschluckt: Wer vor lauter Suchspiel vergisst, was eigentlich beworben wird, hat als Marke wenig gewonnen. Das Wimmelbild ist damit kein Allheilmittel, sondern ein Spezialwerkzeug – wirkungsvoll, wenn es zur Botschaft passt, und bloße Dekoration, wenn nicht.
Ein alter Trick gegen ein neues Problem
Dass ausgerechnet ein Format aus dem Kinderbuch als Antwort auf die digitale Reizüberflutung gehandelt wird, hat eine gewisse Ironie. Doch es passt in ein größeres Muster: Je beliebiger und automatisierter Bildwelten werden, desto höher steigt der Wert des Handgemachten und Eigenwilligen. Ob das Wimmelbild dabei ein kurzlebiger Trend bleibt oder sich als feste Größe in der Markenkommunikation etabliert, wird weniger von seiner Machart abhängen als von einer schlichten Frage – ob es den Betrachtern etwas zu erzählen hat, das sich zu suchen lohnt.
Dieser Beitrag ordnet einen Branchentrend redaktionell ein und bezieht sich auf eine einzelne Anbietermeldung lediglich als Anlass. Er stellt keine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt oder Unternehmen dar.