News

Bibliothek als Demokratielabor: Warum Forschende die „Dritten Orte" neu vermessen

Kostenlos zugängliche Treffpunkte wie Bibliotheken und Stadtteilzentren gelten als Kitt der Stadtgesellschaft. Ein neues Forschungsprojekt der FH Erfurt untersucht, was diese „Dritten Orte" für Demokratie und Nachhaltigkeit tatsächlich leisten können.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Wo trifft man sich eigentlich noch, wenn man weder zu Hause noch bei der Arbeit ist – und nichts konsumieren möchte? Diese scheinbar banale Frage beschäftigt Stadtplaner seit Jahren, denn die Antwort fällt vielerorts ernüchternd aus. Kneipen schließen, Vereinsheime überaltern, Innenstädte verlieren Aufenthaltsqualität. Ein neues Forschungsprojekt der Fachhochschule Erfurt rückt nun jene Räume in den Fokus, die diese Lücke füllen könnten: die sogenannten Dritten Orte.

Ein Begriff aus den Achtzigern erlebt sein Comeback

Der Begriff geht auf den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurück, der Ende der 1980er Jahre die Bedeutung informeller Treffpunkte für das Gemeinwesen beschrieb. Sein Modell: Der erste Ort ist das Zuhause, der zweite der Arbeitsplatz – und der dritte Ort ist all das, was dazwischen liegt. Cafés, Büchereien, Parks, Nachbarschaftszentren. Orte also, an denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft ohne Eintrittskarte und Konsumzwang begegnen können.

Was lange als nostalgisches Konzept galt, ist inzwischen fester Bestandteil der Stadtentwicklungsdebatte. Denn während digitale Räume immer mehr Alltagskommunikation aufsaugen, wächst zugleich die Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Bibliotheken etwa verstehen sich längst nicht mehr nur als Ausleihstationen, sondern bauen ihre Häuser zu offenen Lern- und Begegnungsorten um – mit Gaming-Ecken, Reparaturwerkstätten und Veranstaltungsflächen.

Was das Erfurter Projekt untersucht

Genau hier setzt das im April 2026 gestartete Forschungsvorhaben „Dritte Orte zur Stärkung der Nachhaltigkeit und Demokratie in der Stadtentwicklung" an. Das Institut für Stadtforschung, Planung und Kommunikation (ISP) der FH Erfurt untersucht gemeinsam mit der Professur für Sozialwissenschaft der Nachhaltigkeit, welche Potenziale – aber auch welche Hemmnisse – Bibliotheken und Stadtteilzentren mitbringen, wenn es um demokratische Teilhabe und nachhaltige Entwicklung geht. Gefördert wird das bis März 2029 laufende Projekt vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt.

Als Fallstudien dienen drei Thüringer Städte unterschiedlicher Größe: Erfurt, Eisenach und Schmalkalden. Gemeinsam mit lokalen Akteuren will das Forschungsteam herausfinden, welche Austausch- und Beteiligungsformate tatsächlich funktionieren – und zwar nicht am Reißbrett, sondern in Ko-Kreation mit den Menschen vor Ort. Interessant ist dabei die erweiterte Raumperspektive: Untersucht werden nicht nur die Gebäude selbst, sondern auch die umliegenden Freiräume und Quartiere. Sogar virtuelle Räume wie das Metaverse nimmt das Projekt in den Blick – die Frage, ob ein Dritter Ort zwingend aus Beton und Backstein bestehen muss, ist damit ausdrücklich Teil des Forschungsdesigns.

Zwischen Anspruch und Alltagsrealität

Die Erwartungen an Dritte Orte sind hoch – vielleicht zu hoch. Sie sollen Demokratie stärken, Einsamkeit lindern, Nachhaltigkeit vermitteln und nebenbei noch verödete Innenstädte beleben. Kritiker wenden ein, dass ein unterfinanziertes Stadtteilzentrum mit gekürzten Öffnungszeiten diese Last kaum tragen kann. Ob und unter welchen Bedingungen die Begegnungsorte ihre viel beschworene Wirkung entfalten, ist empirisch bislang erstaunlich dünn belegt. Genau diese Lücke will das Erfurter Team schließen.

Am Ende des Projekts soll eine anwendungsorientierte Toolbox stehen: eine Sammlung von Instrumenten und Erkenntnissen, mit denen Kommunen, Bibliotheken und Träger von Begegnungsstätten ihre Arbeit gezielter ausrichten können. Für die Praxis wäre das ein Gewinn – denn bislang beruht vieles, was unter dem Etikett „Dritter Ort" gefördert wird, eher auf Überzeugung als auf belastbaren Daten.

Dass die Forschung dabei ausgerechnet auf mittlere und kleinere Städte wie Eisenach und Schmalkalden schaut, ist kein Zufall: Gerade abseits der Metropolen entscheidet sich, ob öffentliche Räume als Orte der Begegnung überleben. Wo das letzte Café schließt, bleibt oft nur noch die Bibliothek – als letzter Ort, an dem die Stadtgesellschaft sich selbst begegnen kann.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen, unter anderem einer Mitteilung des Informationsdiensts Wissenschaft (idw) zur FH Erfurt.

Mehr zum Thema

  • Alle fürs Klima, kaum einer spendet: Was wir über das Klimaverhalten anderer falsch einschätzen
  • Demokratie im Hafen: Warum ein Forschungsprojekt ausgerechnet die Kaikanten in den Blick nimmt
  • Pumpen nach Wetterlage und Strompreis: Wie die Nordseeküste ihre Entwässerung neu erfindet
  • Vom Wasserkisten-Format zur CubeSat-Flotte: 35 Jahre Kleinsatelliten aus Berlin
  • Problem pauken oder Lösungen üben? Ein Forschungsprojekt testet, wie Nachhaltigkeit im Erdkundeunterricht wirklich ankommt
  • Wenn der Datenschatz klein bleibt: Warum die Chemieindustrie eine eigene Art von KI braucht