Bauen mit Hanf: Am Geiseltalsee entsteht ein Kompetenzzentrum für den unterschätzten Baustoff
Rund 3,8 Millionen Euro aus dem EU-Strukturwandel-Fonds fließen nach Mücheln am Geiseltalsee: Dort soll ein Informations- und Kompetenzzentrum für Hanf als Baustoff entstehen – gebaut überwiegend aus Hanf selbst.
Das Geiseltal in Sachsen-Anhalt kennt Strukturwandel aus erster Hand: Wo bis in die 1990er-Jahre Braunkohle gefördert wurde, liegt heute mit dem Geiseltalsee einer der größten künstlichen Seen Deutschlands. Nun soll die Region Schauplatz eines Experiments werden, das auf den ersten Blick ungewöhnlich klingt: Bauen mit Hanf. Das Land Sachsen-Anhalt hat Anfang Juli Förderbescheide über insgesamt rund 3,8 Millionen Euro an die Stadt Mücheln, die Hochschule Merseburg und die Deutsche Hanf-Akademie übergeben – für den Aufbau eines Informations- und Kompetenzzentrums Hanf am Geiseltalsee.
Ein Gebäude als Anschauungsobjekt
Das Besondere an dem Vorhaben: Das geplante Zentrum in Mücheln soll selbst überwiegend aus Hanfbaustoffen errichtet werden und damit zugleich als Anschauungsobjekt dienen. Herzstück wird nach Angaben des Wirtschaftsministeriums eine Experimental-Bauwerkstatt, in der sich Fachleute wie Laien in Seminaren mit Hanf als Baustoff vertraut machen und praktische Anleitung für dessen Verwendung erhalten können. Ziel des Projekts ist es, das ökologische und ökonomische Potenzial von Industriehanf sichtbar und nutzbar zu machen und das Bewusstsein für nachhaltige Stoffkreisläufe zu stärken.
Finanziert wird das Ganze zu 100 Prozent aus dem europäischen Just Transition Fund (JTF) – jenem Topf, mit dem die EU Kohleregionen beim Umbau ihrer Wirtschaft unterstützt – im Rahmen der Landesinitiative zum Neuen Europäischen Bauhaus. Wirtschafts-Staatssekretär Gert Zender sprach bei der Übergabe von großem Potenzial für nachhaltiges Bauen und neue Wertschöpfung in der Region.
Warum ausgerechnet Hanf?
Industriehanf – nicht zu verwechseln mit THC-haltigen Sorten – gilt in der Baubranche seit einigen Jahren als vielversprechender nachwachsender Rohstoff. Die Pflanze wächst schnell, benötigt vergleichsweise wenig Pflanzenschutz und bindet während des Wachstums CO2. Aus den holzigen Stängelteilen, den sogenannten Schäben, lässt sich in Kombination mit Kalk der Baustoff Hanfkalk herstellen; aus den Fasern entstehen Dämmmatten. Befürworter verweisen auf gute Dämmeigenschaften, Feuchteregulierung und eine günstige Klimabilanz gegenüber konventionellen Baustoffen wie Beton oder Mineralwolle.
Dass Hanf im Bauwesen trotzdem ein Nischendasein führt, hat handfeste Gründe: Es fehlt an etablierten Lieferketten, an Verarbeitungskapazitäten – und vor allem an Wissen bei Planern, Handwerkern und Bauherren. Genau an dieser Stelle setzt das Projekt am Geiseltalsee an. Die Region bringt dabei eine Besonderheit mit: Mit der Hanffaser-Verarbeitung im Geiseltal existiert dort bereits ein Anknüpfungspunkt für den Rohstoff, und die Hochschule Merseburg forscht seit Längerem an Bio-Rohstoffen aus Nutzhanf als Beitrag zur Transformation der Braunkohleregion.
Strukturwandel zum Anfassen
Für die Lausitz, das Rheinische Revier und das mitteldeutsche Revier fließen seit Jahren Milliarden an Strukturwandel-Mitteln – oft in Straßen, Gewerbegebiete oder Forschungsinstitute, deren Nutzen für die Bevölkerung abstrakt bleibt. Das Müchelner Projekt verfolgt einen anderen Ansatz: ein konkretes, betretbares Gebäude, das zeigt, was mit einem regional anbaubaren Rohstoff möglich ist, kombiniert mit praktischer Wissensvermittlung.
Ob daraus tatsächlich neue Wertschöpfung entsteht, wird sich an nüchternen Fragen entscheiden: Findet sich genug Anbaufläche und Verarbeitungskapazität in der Region? Werden Handwerksbetriebe die Seminarangebote annehmen? Und kann Hanfkalk preislich mit etablierten Baustoffen konkurrieren, deren Kostenvorteil bislang vor allem daher rührt, dass ihre Klimafolgen nicht eingepreist sind? Das Experiment am Geiseltalsee dürfte darauf in den kommenden Jahren erste Antworten liefern – und ist allein deshalb einen genaueren Blick wert, weil hier eine ehemalige Kohleregion ausgerechnet auf eine Pflanze setzt, die vor hundert Jahren ganz selbstverständlich zum landwirtschaftlichen Alltag gehörte.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen, u. a. einer Mitteilung des Ministeriums für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt (via idw/openPR).
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