Backup für die Dunkelflaute: Welche Rolle Biogas im künftigen Kapazitätsmarkt spielen könnte
Wind und Sonne liefern nicht immer – für Dunkelflauten braucht es gesicherte Leistung. Die Biogasbranche wirbt darum, im künftigen Kapazitätsmarkt nicht übersehen zu werden. Eine Einordnung zwischen neuen Gaskraftwerken und dezentralen Alternativen.
Mit dem rasanten Ausbau von Wind- und Solarenergie verschiebt sich die zentrale Frage der deutschen Energiewende: Nicht mehr, wie viel grüner Strom erzeugt wird, sondern wie die Versorgung in Phasen gesichert ist, in denen Sonne und Wind kaum liefern. Für diese sogenannten Dunkelflauten braucht es flexibel abrufbare Kapazitäten. In der Debatte darüber meldet sich nun auch die Biogasbranche zu Wort – mit dem Argument, sie könne neue, planbare Kraftwerke sinnvoll ergänzen, statt von ihnen verdrängt zu werden.
Worum es beim Kapazitätsmarkt geht
Ein Kapazitätsmarkt vergütet nicht nur den tatsächlich erzeugten Strom, sondern auch die bloße Bereitstellung gesicherter Leistung. Kraftwerke und Speicher erhalten also Geld dafür, dass sie im Bedarfsfall einspringen können – selbst wenn sie die meiste Zeit stillstehen. Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer Kraftwerksstrategie angekündigt, einen solchen Mechanismus zur langfristigen Versorgungssicherheit einzuführen; vorgesehen ist ein Start gegen Anfang der 2030er-Jahre. Bis dahin sollen Ausschreibungen für mehrere Gigawatt steuerbarer Leistung den Bau neuer, zunächst gasbetriebener und später auf Wasserstoff umrüstbarer Kraftwerke anstoßen.
Das Argument der Biogasbranche
In ihrem Positionspapier verweisen Vertreter der Bioenergie darauf, dass Biogas und Biomethan bereits heute speicherbar sind. Anders als Strom aus Wind und Sonne lässt sich das Gas in bestehenden Erdgasspeichern vorhalten und gezielt dann abrufen, wenn die Erzeugung aus erneuerbaren Quellen einbricht. Biogasanlagen, so die Argumentation, könnten damit eine Brückenfunktion übernehmen und vorhandene Infrastruktur nutzen, anstatt sie zu ersetzen. Laut Branchenangaben spricht zudem für Biogas, dass es dezentral verfügbar ist und Wertschöpfung im ländlichen Raum bindet.
Diese Sichtweise ist allerdings einzuordnen. Fachleute weisen seit Längerem darauf hin, dass das Potenzial von Biomasse begrenzt ist: Verschiedene Szenarien gehen davon aus, dass Bioenergie insgesamt nur einen einstelligen bis niedrig zweistelligen Prozentbereich des Energiebedarfs decken kann. Anbauflächen konkurrieren mit der Nahrungsmittelproduktion, und der Ausbau ist nicht beliebig skalierbar. Biogas dürfte also eher ein Baustein im Mix als die tragende Säule der Absicherung sein.
Zwischen neuen Gaskraftwerken und dezentralen Alternativen
Die Kraftwerksstrategie ist nicht unumstritten. Kritiker – darunter Forschungsinstitute und Teile der Energiewirtschaft – halten den geplanten Zubau an Gaskraftwerken teils für überdimensioniert und warnen davor, fossile Strukturen für Jahrzehnte festzuschreiben. Sie plädieren stattdessen für einen stärkeren Fokus auf Speicher, Lastflexibilität und dezentrale Lösungen, zu denen auch flexibel gefahrene Biogasanlagen zählen können. Befürworter der Strategie wiederum betonen, dass gesicherte Leistung in ausreichendem Umfang vorhanden sein müsse, bevor weitere Kohlekraftwerke vom Netz gehen.
Für die Biogasbranche ist die konkrete Ausgestaltung des Kapazitätsmarkts deshalb entscheidend. Ob bestehende Anlagen wirtschaftlich weiterbetrieben und auf einen flexibleren, bedarfsgerechten Betrieb umgestellt werden, hängt maßgeblich davon ab, ob der künftige Mechanismus auch kleinere, dezentrale Kapazitäten angemessen vergütet. Bislang sind viele Biogasanlagen auf eine möglichst gleichmäßige Stromproduktion ausgelegt – ein flexibler Betrieb, der sich an Knappheitssignalen orientiert, erfordert Investitionen in Speicher und Anlagentechnik.
Ein Mosaikstein der Versorgungssicherheit
Die Diskussion zeigt, dass Versorgungssicherheit in einem zunehmend erneuerbaren System aus vielen Komponenten besteht: aus neuen, perspektivisch wasserstofffähigen Kraftwerken, aus Batterie- und Langzeitspeichern, aus flexibler Nachfrage und aus Bioenergie. Welche Rolle Biogas darin am Ende spielt, wird weniger von technischen Möglichkeiten als von den politischen Rahmenbedingungen abhängen. Klar ist: Eine einzelne Technologie wird die Dunkelflaute nicht allein überbrücken. Die Branche wirbt nun dafür, bei der Ausgestaltung des Kapazitätsmarkts nicht übersehen zu werden.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines aktuellen Branchen- und Trendthemas und stellt keine Energie- oder Anlageberatung dar.
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