Abhalten statt Windel: Eine fast vergessene Elternpraxis kehrt in deutsche Badezimmer zurück
Babys ohne Windel über Waschbecken oder Töpfchen halten? Was heute exotisch klingt, war über Generationen Alltag – und wird unter dem Stichwort „Abhalten" wiederentdeckt. Eine Einordnung zwischen Kulturgeschichte und Elternalltag.
Darf ein Baby ins Waschbecken pinkeln? Die Frage klingt nach Provokation, beschäftigt aber gerade wieder Elternforen und Hebammenkreise. Anlass ist unter anderem eine Pressemitteilung des österreichischen Anbieters Mata Origin, der die Praxis des sogenannten Abhaltens wieder ins Gespräch bringt – jener Methode, bei der Eltern die Ausscheidungssignale ihres Säuglings deuten und das Kind ohne Windel über ein Becken, ein Töpfchen oder eben das Waschbecken halten. Was heute als Nischentrend unter dem Schlagwort „windelfrei" firmiert, ist historisch betrachtet der Normalfall der Menschheitsgeschichte.
Eine Praxis, älter als die Windel
Die Wegwerfwindel ist eine Erfindung der Nachkriegszeit; flächendeckend durchgesetzt hat sie sich in Deutschland erst in den 1970er- und 80er-Jahren. Davor – und in vielen Regionen der Welt bis heute – kamen Familien mit deutlich weniger Windelmaterial aus. In Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ist es nach wie vor üblich, Säuglinge von Geburt an regelmäßig abzuhalten. Auch in deutschen Familien war die Praxis bis in die Großelterngeneration verbreitet, geriet dann aber weitgehend in Vergessenheit. In der Fachliteratur läuft das Konzept unter dem englischen Begriff „Elimination Communication" – Kommunikation über Ausscheidungen.
Die Grundidee: Säuglinge signalisieren nach Ansicht der Befürworter durch Unruhe, bestimmte Laute oder Körperspannung, wenn sie müssen. Wer diese Signale aufgreift und das Kind in einer stabilen Haltung über ein Becken hält, so das Versprechen, spart Windeln und stärkt die Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Belastbare wissenschaftliche Studien zu langfristigen Effekten sind allerdings rar – vieles beruht auf Erfahrungsberichten und traditioneller Praxis.
Warum das Thema gerade jetzt wiederkommt
Dass Abhalten wieder Anhänger findet, hat mehrere Gründe. Da ist zum einen die Nachhaltigkeitsdebatte: Ein Kind verbraucht bis zum Trockenwerden mehrere tausend Wegwerfwindeln, die größtenteils in der Verbrennung landen. Zum anderen passt die Praxis in den Trend zu bindungs- und bedürfnisorientierter Elternschaft, der in den vergangenen Jahren ganze Buchregale gefüllt hat. Und schließlich haben soziale Medien Nischenpraktiken sichtbar gemacht, die früher allenfalls in Stillgruppen weitergegeben wurden. Anbieter von Abhaltehilfen, Schlitzhosen und Kursen – darunter auch das eingangs erwähnte Unternehmen – bedienen diese wachsende Nachfrage; deren Angaben zur Verbreitung und zu Vorteilen der Methode sind entsprechend als Unternehmensangaben einzuordnen.
Zwischen Gelassenheit und Dogma
Hebammen und Elternberaterinnen, die mit der Methode arbeiten, betonen meist den pragmatischen Mittelweg: Abhalten funktioniere auch in Teilzeit, etwa nur morgens oder nach dem Schlafen, und lasse sich problemlos mit Windeln kombinieren. Kritischer wird es, wenn aus der Praxis ein Leistungsanspruch wird. Wer das Trockenwerden zum Erziehungsziel im Säuglingsalter erklärt, setzt Eltern wie Kinder unter Druck – Entwicklungsfachleute weisen darauf hin, dass die willentliche Blasenkontrolle ohnehin erst im Kleinkindalter reift. Abhalten ersetzt also kein Töpfchentraining, es ist eher ein Reagieren auf Körpersignale als ein Erziehen.
Bleibt die Waschbecken-Frage. Hygienisch spricht nach gängiger Auffassung wenig dagegen, ein Waschbecken anschließend schlicht zu reinigen – Urin gesunder Säuglinge ist weitgehend keimarm. Ästhetisch muss das jede Familie für sich entscheiden. Und der Besuch bei Freunden dürfte weiterhin eher mit Windel stattfinden.
Einordnung
Das Comeback des Abhaltens zeigt vor allem eines: Wie jung viele vermeintliche Selbstverständlichkeiten der Kindererziehung sind. Die Vollzeit-Wegwerfwindel ist keine fünfzig Jahre alt – und schon wirkt ihre Alternative wie eine exotische Neuheit. Ob sich Eltern darauf einlassen, bleibt Geschmacks- und Alltagsfrage. Ein Zurück zur Norm wird das Abhalten kaum, eine Bereicherung des Werkzeugkastens für interessierte Familien ist es allemal.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung und keine medizinische oder pädagogische Beratung. Bei Fragen zur kindlichen Entwicklung wenden Sie sich an Hebamme oder Kinderarztpraxis.
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