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4.500 Liter aus der Röhre: Warum die Mikroalge an der Skalierung hängt

Meldungen über erste Ernten aus neuen Algenanlagen häufen sich – die Mengen wirken dabei erstaunlich klein. Das liegt weniger an der Biologie als an einer Anlagentechnik, deren Kosten sich bislang jeder Größendegression widersetzen.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wenn ein Betreiber die erste Ernte einer neuen Mikroalgenanlage vermeldet, steht dort gelegentlich eine Zahl wie 4.500 Liter. Für eine Pressemitteilung klingt das nach Aufbruch. Im Maßstab industrieller Rohstoffproduktion ist es ein Tankwagen. Genau in dieser Diskrepanz steckt die eigentliche Nachricht über eine Branche, die seit zwei Jahrzehnten als Zukunftsmarkt gehandelt wird und trotzdem klein geblieben ist.

Ein Rohstoff mit vielen Verwendungen

Mikroalgen sind einzellige Organismen, die mit Licht, Wasser, Kohlendioxid und Nährsalzen Biomasse aufbauen. Wirtschaftlich interessant sind vor allem zwei Gattungen: Spirulina, streng genommen ein Cyanobakterium, und Chlorella. Beide werden getrocknet als Pulver oder Presslinge verkauft, überwiegend als Nahrungsergänzung. Daneben liefern Algen Farbstoffe, Fettsäuren und Proteine für Kosmetik, Futtermittel und zunehmend für die Lebensmittelindustrie, die nach pflanzlichen Eiweißquellen sucht.

Deutschland ist dabei kein weißer Fleck. In Klötze in Sachsen-Anhalt steht eine der größten geschlossenen Anlagen Europas: ein Glasröhrensystem von mehreren hundert Kilometern Länge, in dem vor allem Chlorella wächst. In Norddeutschland hat sich mit der Deutschen Algen Genossenschaft ein Verbund aus rund einem Dutzend Erzeugerbetrieben gebildet. Forschungsseitig arbeiten unter anderem das Fraunhofer IGB an Flachplattenreaktoren und Hochschulen in Bremerhaven daran, industrielle Abwärme und Abgase in die Kultivierung einzukoppeln.

Die Anlage ist das Problem, nicht die Alge

Die Biologie funktioniert. Algen wachsen schnell, benötigen keine Ackerfläche und lassen sich ganzjährig kultivieren. Der Engpass liegt in der Hardware. Offene Becken – international der Standard – sind billig, aber anfällig für Fremdorganismen, Wetter und Verdunstung; in mitteleuropäischen Breiten kommen sie ohnehin nur eingeschränkt infrage. Geschlossene Photobioreaktoren liefern verlässliche Qualität, kosten aber ein Vielfaches, brauchen Pumpen, Kühlung und in der Regel künstliches Licht.

Damit fällt die Größendegression weg, die sonst jede Industrialisierung trägt. Wer die doppelte Menge Algen erzeugen will, braucht in geschlossenen Systemen im Wesentlichen die doppelte Reaktorfläche – nicht bloß einen größeren Kessel. Die Anlagen skalieren durch Vervielfachung von Modulen, nicht durch Vergrößerung. Das erklärt, warum Erweiterungen in Schritten von einigen tausend Litern erfolgen und warum die Investitionskosten je Kilogramm Trockenmasse hartnäckig hoch bleiben.

Hinzu kommt die Nachbearbeitung. Die Zellen schwimmen in stark verdünnter Suspension; das Abtrennen und Trocknen macht in vielen Kalkulationen einen erheblichen Teil der Produktionskosten aus. Ein Gramm Algenpulver hat viele Liter Wasser hinter sich, die wieder heraus mussten.

Wo die Rechnung aufgeht – und wo nicht

Die Branche hat daraus eine pragmatische Konsequenz gezogen: Sie bedient zuerst Märkte, in denen der Kilopreis hoch ist. Nahrungsergänzung, Kosmetik, Pigmente, Spezialfuttermittel für Aquakultur. Die einst prominente Idee, aus Algen Kraftstoff zu gewinnen, gilt dagegen als vorerst gescheitert – schlicht weil Diesel nicht genug kostet, um die Anlagentechnik zu tragen. Ähnlich vorsichtig ist die Lage bei Algenprotein für Lebensmittel: technisch machbar, preislich noch weit von Soja oder Erbse entfernt.

Für Betriebe, die neu einsteigen, ergibt sich daraus ein enges Fenster. Es funktioniert dort, wo Standortvorteile mitgenommen werden – günstiger Strom, verfügbare Abwärme, Kohlendioxid aus einem benachbarten Prozess – oder wo ein Abnehmer bereits feststeht. Meldungen über erste Ernten sagen über diese Bedingungen naturgemäß wenig aus, und Angaben zu Reinheit oder Qualität stammen in solchen Mitteilungen zunächst vom Erzeuger selbst.

Was gesundheitliche Wirkungen angeht, gilt für Algenprodukte dasselbe wie für andere Nahrungsergänzungsmittel: Werbeaussagen sind lebensmittelrechtlich streng reguliert, zugelassene gesundheitsbezogene Angaben sind rar. Die wirtschaftlich interessante Frage der nächsten Jahre dürfte deshalb weniger lauten, was Algen können, sondern zu welchem Preis eine Anlage sie liefern kann.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Ernährungs-, Gesundheits- oder Anlageberatung.