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130 Titel in drei Monaten: Wie Print-on-Demand die Verlagsgründung verändert

Ein Buchprogramm aufzubauen kostete früher Lagerhallen, Vorfinanzierung und Jahre. Mit Druck auf Bestellung entstehen heute Verlage, die binnen weniger Monate dreistellige Titelzahlen führen – in einem Markt, der gleichzeitig schrumpft.

Von Redaktion · · 4 Min. Lesezeit

Wenn ein im April 2026 gegründeter Verlag nach rund drei Monaten ein Sortiment von mehr als 130 Titeln meldet – so kürzlich der Adlerquell Verlag in einer eigenen Mitteilung –, dann ist das weniger eine Nachricht über ein einzelnes Unternehmen als über eine veränderte Produktionslogik. Solche Zahlen wären in der klassischen Verlagskalkulation kaum darstellbar gewesen. Möglich macht sie ein Verfahren, das die teuerste Einstiegshürde der Branche beseitigt hat: das Lager.

Was Druck auf Bestellung ökonomisch verschiebt

Beim Print-on-Demand-Verfahren (PoD) wird ein Buch erst produziert, wenn es bestellt ist. Statt einer Erstauflage von tausend oder zweitausend Exemplaren, die vorfinanziert, eingelagert und im Zweifel verramscht werden muss, entsteht pro Bestellung ein einzelnes Digitaldruck-Exemplar. Damit fällt der klassische Risikoblock einer Verlagsentscheidung weitgehend weg.

Die Folge ist eine andere Programmpolitik. Wo ein Verlag früher jeden Titel gegen eine Mindestauflage rechnen musste, kann er heute Nischen bedienen, deren realistische Absatzmenge im zweistelligen Bereich liegt. Fachthemen mit kleiner Zielgruppe, Regionalliteratur, Genres abseits der Bestsellerlisten – Segmente, die betriebswirtschaftlich lange nicht darstellbar waren, werden bedienbar. Auch die Backlist verändert ihren Charakter: Ein Titel muss nicht mehr vergriffen gehen, weil sich ein Nachdruck nicht lohnt.

Der Preis dafür steht in der Kalkulation. Die Stückkosten im Digitaldruck liegen deutlich über denen des Offsetdrucks bei hoher Auflage. Wer ein Buch in großer Zahl verkauft, produziert mit PoD teurer. Das Modell tauscht also Skaleneffekte gegen Risikofreiheit – ein Geschäft, das sich für kleine Programme rechnet und für erfolgreiche Einzeltitel irgendwann nicht mehr.

Ein wachsendes Segment in einem schrumpfenden Markt

Die Rahmenbedingungen sind dabei alles andere als komfortabel. Nach Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sank der Umsatz der Buchbranche 2025 gegenüber dem Vorjahr um 2,7 Prozent auf 9,62 Milliarden Euro. Die Zahl der Buchkäuferinnen und Buchkäufer ging um 4,9 Prozent zurück; bei den 10- bis 15-Jährigen brach sie um 30,6 Prozent ein. Der stationäre Sortimentsbuchhandel verlor 3,7 Prozent und kam auf 3,93 Milliarden Euro, was gut 40 Prozent des Branchenumsatzes entspricht.

In dieses Umfeld hinein wächst ein Segment, dessen Größe niemand genau kennt. Wie groß der Selfpublishing- und PoD-Anteil am deutschen Buchmarkt tatsächlich ist, lässt sich nicht belastbar beziffern, weil die großen Anbieter ihre Zahlen nicht offenlegen. Branchenschätzungen bewegen sich im niedrigen einstelligen Prozentbereich des Umsatzes – bei einer Titelzahl, die in die Millionen geht und in den offiziellen Verlagsstatistiken schlicht nicht auftaucht. Diese Diskrepanz ist der eigentliche Befund: viele Titel, wenig Umsatz pro Titel.

Die Grenze zwischen Verlag und Dienstleister

Damit rückt eine Unterscheidung in den Vordergrund, die für Autorinnen und Autoren praktisch relevant ist. Print-on-Demand ist eine Drucktechnik, kein Geschäftsmodell. Sie wird von Selfpublishing-Plattformen genutzt, bei denen der Autor Auftraggeber ist und die Kosten trägt – und ebenso von Verlagen, die klassisch auswählen, lektorieren und das unternehmerische Risiko selbst übernehmen. Von außen sieht das Ergebnis gleich aus: ein Buch mit ISBN, im Barsortiment gelistet, über den Handel bestellbar.

Der Unterschied liegt im Verfahren davor. Findet eine inhaltliche Auswahl statt? Wird lektoriert und korrigiert? Wer bezahlt Cover, Satz und Marketing? Und wer verdient woran? Bei sogenannten Zuschussverlagen – die von Autoren Geld für die Veröffentlichung verlangen – ist die Antwort eine grundlegend andere als bei einem Verlag, der auf eigene Rechnung produziert. Beide Modelle sind legitim, aber sie leisten Verschiedenes, und die Bezeichnung „Verlag" allein sagt darüber nichts aus.

Sichtbarkeit bleibt der Engpass

Was Print-on-Demand nicht löst, ist das eigentliche Problem des Buchmarkts. Die Produktion eines Titels ist heute technisch trivial und finanziell überschaubar geworden – seine Auffindbarkeit nicht. Der stationäre Buchhandel arbeitet mit begrenzter Regalfläche und einem Remissionsrecht, das bei PoD-Titeln oft nicht greift; entsprechend zurückhaltend fällt die Bevorratung aus. Bestellbar zu sein und im Laden zu liegen sind zwei verschiedene Dinge.

Für Verlage neuen Typs verschiebt sich die knappe Ressource damit vom Kapital zur Aufmerksamkeit. Wer 130 Titel führt, hat kein Produktionsproblem, sondern ein Vermarktungsproblem – multipliziert mit 130. Ob sich das Modell trägt, entscheidet sich weniger an der Zahl der Bücher als daran, wie viele davon ihre Leserschaft überhaupt erreichen.


Redaktionelle Einordnung eines Branchentrends. Angaben zu einzelnen Unternehmen beruhen auf deren eigenen Mitteilungen; Marktzahlen stammen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Dieser Beitrag ist keine Rechts- oder Anlageberatung.