Die Spinne als Katapult: Wie Netze zu Schleudern für die Jagd werden

Manche Spinnen warten nicht auf Beute, sondern spannen ihr Netz wie einen Bogen und werden selbst zum Geschoss. Was hinter dem Katapult-Prinzip steckt.

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Spinnennetze gelten als Sinnbild geduldiger Lauerjagd: Ein klebriger Faden, ein wartendes Tier, irgendwann ein Insekt, das sich verfängt. Doch einige Arten haben dieses passive Prinzip ins Gegenteil verkehrt. Sie nutzen ihr Netz nicht als Falle, in der sie ausharren, sondern als gespannte Schleuder – und werden selbst zum Geschoss. Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie ausgefeilt dieser Mechanismus ist und warum er Biologen wie Ingenieure gleichermaßen fasziniert.

Ein Netz, das wie ein Bogen gespannt wird

Im Zentrum vieler dieser Untersuchungen steht die Dreieckspinne der Gattung Hyptiotes. Statt eines klassischen Radnetzes baut sie ein dreieckiges, stark dehnbares Gespinst und verbindet es über einen einzelnen Ankerfaden mit einem festen Punkt, etwa einem Ast. Indem die Spinne an diesem Faden rückwärts kriecht, spannt sie das gesamte Netz wie die Sehne eines Bogens. Diese Spannung kann sie laut den vorliegenden Studien über lange Zeit – mitunter über Stunden – aufrechterhalten. Nähert sich eine Beute, lässt das Tier den Anker los. Die schlagartig freigesetzte Energie katapultiert Netz und Spinne mehrere Zentimeter nach vorn und schlägt das verwirrte Insekt in zusätzliche Fäden ein.

Schneller als die Muskeln erlauben

Das Bemerkenswerte daran ist die Geschwindigkeit. Spinnenmuskeln allein könnten eine derart abrupte Beschleunigung nicht erzeugen. Forschende der University of Akron beschrieben in einer 2019 in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichten Arbeit, dass die Beschleunigung Spitzenwerte im Bereich mehrerer hundert Meter pro Sekundenquadrat erreicht. Das Tier legt dabei in Sekundenbruchteilen eine Strecke zurück, die einem Vielfachen seiner eigenen Körperlänge entspricht. Möglich wird das durch ein Prinzip, das Biologen als Energiespeicherung mit anschließender schlagartiger Entladung beschreiben – ähnlich wie bei einem gespannten Flitzebogen, bei dem die Kraft langsam aufgebaut und in einem Moment abgegeben wird.

Werkzeuggebrauch jenseits des Menschen

Der eigentliche wissenschaftliche Reiz liegt in einer begrifflichen Feinheit. Üblicherweise speichern Tiere, die sich katapultartig bewegen, die Energie im eigenen Körper – etwa in Sehnen oder elastischen Gelenkstrukturen. Die Dreieckspinne dagegen lagert die Energie außerhalb ihres Körpers, nämlich im selbst gebauten Netz. Die Studienautoren werten dies als einen seltenen Fall externer Kraftverstärkung mithilfe eines selbst hergestellten Geräts – ein Phänomen, das ansonsten vor allem vom Menschen und seinen Werkzeugen bekannt ist. Das Netz wird damit zu mehr als einer Falle: Es ist ein Hilfsmittel, das die Grenzen des eigenen Bewegungsapparats überwindet.

Spezielle Seide als Voraussetzung

Damit ein solcher Speicher funktioniert, braucht es ein besonderes Material. Neuere genetische Untersuchungen, die 2025 in der Fachzeitschrift PNAS Nexus erschienen, deuten darauf hin, dass die Seide der Dreieckspinne einen außergewöhnlich hohen Anteil der Aminosäure Prolin aufweist und auf einen eigenen Satz von Genen zurückgeht. Prolinreiche Proteine gelten als Schlüssel für die starke Dehnbarkeit, die das Netz überhaupt erst zum elastischen Energiespeicher macht. Auch andere Spinnengruppen, etwa die nachtaktiven Netzwerfer der Familie Deinopidae, gehen aktiv mit ihrem Gespinst auf Beutefang, indem sie ein kleines Fangnetz zwischen den Beinen aufspannen und über vorbeilaufende Insekten stülpen. Die konkreten Mechanismen unterscheiden sich, das Grundmuster aber ähnelt sich: Das Netz wird vom statischen Hinterhalt zum aktiv eingesetzten Jagdgerät.

Vorbild für die Technik

Solche Erkenntnisse bleiben nicht auf die Grundlagenforschung beschränkt. Mechanismen, die kleine Mengen Energie speichern und schlagartig freisetzen, sind für die Entwicklung winziger Roboter, sparsamer Aktoren oder neuartiger Materialien interessant. Die Natur löst hier ein Problem, an dem sich auch die Ingenieurwissenschaft abarbeitet: viel Wirkung aus wenig eingesetzter Kraft. Dass ausgerechnet eine unscheinbare Spinne dafür ein über Jahrmillionen optimiertes Modell liefert, macht den Fall zu einem schönen Beispiel dafür, wie genaues Hinsehen in der Biologie immer wieder überraschende Prinzipien zutage fördert.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Forschungsberichte und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.