Älter als die Pyramiden: Was die Göbeklitepe-Ausstellung in Berlin über die Anfänge der Gesellschaft erzählt
Auf der Berliner Museumsinsel sind bis Mitte Juli Funde aus Göbeklitepe und den Taş Tepeler zu sehen – Zeugnisse einer Zeit, in der Menschen monumentale Bauten errichteten, bevor sie sesshaft wurden.
Wer in diesen Wochen die Berliner Museumsinsel besucht, kann noch bis zum 19. Juli in eine Welt eintauchen, die rund zwölf Jahrtausende zurückreicht. Die Sonderausstellung „Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“ in der James-Simon-Galerie versammelt archäologische Funde aus dem Süden der heutigen Türkei – darunter Stücke, die zum ersten Mal außerhalb des Landes gezeigt werden. Hinter dem Titel verbirgt sich mehr als eine Schau alter Steine: Es geht um die Frage, wie und warum Menschen begannen, in größeren Gemeinschaften zusammenzuleben.
Monumente vor der Sesshaftigkeit
Göbeklitepe bei Şanlıurfa gilt als eine der ältesten bekannten Stätten monumentaler Architektur überhaupt. Vor etwa 11.500 Jahren errichteten dort Menschen kreisförmige Anlagen mit gewaltigen, T-förmigen Steinpfeilern – einige bis zu sechs Meter hoch und mit Reliefs von Tieren und stilisierten menschlichen Figuren verziert. Das Bemerkenswerte daran: Die Erbauer waren nach bisherigem Forschungsstand noch Jäger und Sammler. Sie kannten weder Töpferei noch Schrift, und die systematische Landwirtschaft steckte allenfalls in den Anfängen.
Damit stellt der Fundort eine lange verbreitete Annahme infrage. Lange galt die Sesshaftigkeit als Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt die Zeit und Organisation aufbringen konnten, um große Bauwerke zu schaffen. Göbeklitepe legt eine andere Reihenfolge nahe: Möglicherweise war es gerade der Wunsch, sich an festen Orten zu versammeln und gemeinsam zu bauen, der die Lebensweise der Menschen veränderte – nicht umgekehrt. Sicher belegt ist diese Deutung nicht; sie gehört zu den Fragen, die die Forschung bis heute beschäftigen.
Vom Einzelfund zur Kulturlandschaft
Lange wurde Göbeklitepe als spektakulärer Sonderfall betrachtet. Inzwischen zeichnet sich ein anderes Bild ab: Die Stätte ist Teil einer ganzen Reihe ähnlicher Orte in der Region. Unter dem Begriff „Taş Tepeler“ – türkisch für „Steinhügel“ – wird eine Gruppe von Fundplätzen zusammengefasst, an denen vergleichbare Anlagen aus derselben Epoche entdeckt wurden, etwa Karahantepe. Aus einem einzelnen Rätsel ist so eine vernetzte Kulturlandschaft geworden, die zeigt, dass das Bauen in Gemeinschaft kein einmaliges Ereignis war, sondern ein verbreitetes Phänomen.
Genau diesen Wandel der Perspektive greift die Berliner Ausstellung im Titel auf. „Gebaute Gemeinschaft“ rückt nicht das einzelne Monument in den Vordergrund, sondern die soziale Leistung dahinter: das Planen, Koordinieren und gemeinsame Arbeiten vieler Menschen lange vor der Entstehung von Städten oder Staaten.
Eine Kooperation über Grenzen hinweg
Die Schau ist nach Angaben der Staatlichen Museen zu Berlin in Zusammenarbeit mit türkischen Partnern entstanden. Beteiligt sind unter anderem das Vorderasiatische Museum, das Archäologische Museum Şanlıurfa und das Forschungsprojekt „Taş Tepeler“ der Universität Istanbul, unter Mitwirkung des Deutschen Archäologischen Instituts. Kuratiert wurde sie von einem Team um Barbara Helwing und Necmi Karul. Neben Originalfunden und Skulpturen werden architektonische Rekonstruktionen sowie Fotografien gezeigt, die einen Eindruck von den Orten in ihrer heutigen Landschaft vermitteln.
Dass viele der Objekte erstmals außerhalb der Türkei zu sehen sind, macht die Ausstellung auch zu einem Beispiel für internationale Zusammenarbeit in der Archäologie – ein Feld, in dem der Austausch von Originalfunden über Ländergrenzen hinweg keineswegs selbstverständlich ist.
Warum das Thema über die Fachwelt hinaus interessiert
Der Reiz von Göbeklitepe und den Taş Tepeler liegt nicht allein im Alter der Funde. Sie berühren eine grundlegende Frage: Was macht menschliche Gesellschaft aus, und seit wann gibt es sie in organisierter Form? Die Antworten bleiben vorläufig, denn vieles ist noch nicht ausgegraben und vieles nicht abschließend gedeutet. Genau diese Offenheit aber macht das Thema lebendig. Für Besucherinnen und Besucher bietet die Ausstellung die seltene Gelegenheit, einer Forschung über die Schulter zu schauen, die noch mitten in der Arbeit steckt.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung und gibt den allgemeinen Stand öffentlich zugänglicher Informationen wieder. Angaben zu Laufzeit und Inhalt der Ausstellung können sich ändern; maßgeblich sind die Informationen der Veranstalter.