News

Zählen reicht nicht: Warum die Ladesäulen-Statistik wenig über echte Versorgung verrät

Deutschland meldet über 200.000 öffentliche Ladepunkte – doch eine neue Geodaten-Analyse zeigt: Entscheidend ist nicht die Anzahl, sondern die Erreichbarkeit. Nur ein Drittel der Haushalte erreicht einen Ladepunkt in fünf Gehminuten.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Die Zahlen klingen nach Erfolgsgeschichte: Zum 1. Mai 2026 verzeichnete die Bundesnetzagentur rund 204.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte in Deutschland – ein Plus von 17 Prozent binnen eines Jahres. Auch die Schnellladeinfrastruktur wächst kräftig, die installierte Ladeleistung legte um mehr als ein Viertel zu. Doch eine aktuelle Geodaten-Analyse stellt die gängige Erzählung infrage, wonach mehr Ladepunkte automatisch bessere Versorgung bedeuten.

Ladepunktdichte und Erreichbarkeit sind zwei verschiedene Dinge

Der Bonner Geomarketing-Anbieter Nexiga hat ein Dashboard vorgestellt, das den „E-Mobility-Versorgungsgrad" auf Gemeindeebene abbildet – und dabei nicht nur zählt, wie viele Ladepunkte es gibt, sondern auch, ob Haushalte und Unternehmen sie tatsächlich gut erreichen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Laut Unternehmensangaben erreichen deutschlandweit nur 34 Prozent der Haushalte und 46 Prozent der Unternehmen einen öffentlichen Ladepunkt innerhalb von fünf Gehminuten. Rechnerisch teilen sich derzeit etwa 25 Elektro- und Hybridfahrzeuge einen öffentlichen Ladepunkt.

Besonders interessant ist der Befund, dass einige Flächenländer beim Verhältnis von Fahrzeugen zu Ladepunkten vergleichsweise gut abschneiden, bei der räumlichen Erreichbarkeit aber deutlich zurückliegen. Eine hohe Zahl an Ladesäulen nützt wenig, wenn sie an ungünstigen Standorten stehen – etwa gebündelt an Autobahnen oder Gewerbegebieten, während Wohnquartiere leer ausgehen.

Das Stadt-Land-Gefälle bleibt gravierend

Die Analyse beziffert den Unterschied zwischen urbanen und ländlichen Räumen konkret: In Gemeinden mit bis zu 5.000 Einwohnern erreichen demnach nur 13,6 Prozent der Haushalte einen Ladepunkt fußläufig, in Großstädten über 500.000 Einwohnern sind es 61,2 Prozent. Stadtstaaten wie Berlin und Hamburg liegen bei der Erreichbarkeit vorn – wobei gerade dort viele Bewohner mangels privater Stellplätze auch stärker auf öffentliches Laden angewiesen sind.

Handlungsbedarf sieht die Untersuchung dabei nicht nur auf dem Land: Auch bevölkerungsreiche Länder mit stark wachsendem E-Fahrzeugbestand, namentlich Nordrhein-Westfalen und Hessen, müssten ihre Infrastruktur gezielt weiterentwickeln, damit der Versorgungsgrad nicht hinter der Nachfrage zurückbleibt. Das deckt sich mit den Registerdaten der Bundesnetzagentur, wonach NRW zwar absolut die meisten Ladepunkte stellt – bei gleichzeitig höchster Bevölkerungszahl relativiert sich dieser Spitzenplatz jedoch schnell.

Warum die Standortfrage jetzt wichtiger wird als die Ausbauquote

Hinter der Debatte steht ein grundsätzlicher Wandel in der Ausbaulogik. In der ersten Phase der Elektromobilität ging es vor allem darum, überhaupt ein flächendeckendes Grundnetz zu schaffen – politisch flankiert von Ausbauzielen, die sich an Stückzahlen orientierten. Mit inzwischen mehr als 200.000 Ladepunkten und wachsendem Wettbewerb unter den Betreibern verschiebt sich die Frage: Nicht mehr „wie viele?", sondern „wo genau?" entscheidet über Wirtschaftlichkeit und Nutzen. Für Kommunen, Stadtwerke und Ladeinfrastrukturbetreiber wird die kleinräumige Standortanalyse damit zum Planungswerkzeug – auch, weil schlecht ausgelastete Säulen für Betreiber ein Verlustgeschäft sind.

Dass ein kommerzieller Datenanbieter diese Lücke mit einem öffentlich zugänglichen Dashboard adressiert, ist dabei durchaus Teil des eigenen Geschäftsmodells – die zugrunde liegenden Kennzahlen speisen sich laut Anbieter unter anderem aus Daten des Kraftfahrt-Bundesamts sowie eigenen Ladesäulen- und Gebäudedatenbanken. Unabhängig davon trifft die Kernthese einen wunden Punkt der deutschen Ausbaudebatte: Wer Versorgung nur in Stückzahlen misst, übersieht, dass für den Alltag der Nutzer die letzten 500 Meter zählen.

Für Verbraucher bedeutet das: Die Entscheidung für ein E-Auto hängt weiterhin stark vom Wohnort ab. Wer in der Großstadt ohne eigenen Stellplatz lebt, findet zunehmend Lademöglichkeiten in Gehweite – auf dem Land bleibt die private Wallbox vorerst die realistischere Option. Die Politik wiederum steht vor der Aufgabe, Ausbauförderung stärker an Erreichbarkeits- statt an Mengenzielen auszurichten.


Redaktionelle Einordnung auf Basis einer Unternehmensanalyse der Nexiga GmbH (via openPR) sowie öffentlicher Daten der Bundesnetzagentur. Die genannten Erreichbarkeitswerte beruhen auf Angaben des Anbieters.

Mehr zum Thema

  • Wem gehören die Daten aus dem Auto? Warum Fahrzeugdaten zum Rohstoff für Flotten werden
  • Die stille Kennzahl der Fabrikhalle: Warum OEE im Mittelstand zum Pflichtwissen wird
  • Countdown für Project Online: Microsoft schaltet ab – und viele Projektmanager finden keinen Ersatz
  • Abschied von der Insellösung: Warum modulare ERP-Systeme im Mittelstand Konjunktur haben
  • Unsichtbare Statik: Warum die Tragfähigkeit von Bolzenankern mehr Wissenschaft ist, als man denkt
  • Gefunden werden, wenn die KI antwortet: Was hinter dem Schlagwort „GEO" steckt