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Wenn das Stadtportal die Lokalzeitung ersetzt: Wer künftig über die Kommune berichtet

In immer mehr Landkreisen gibt es nur noch eine gedruckte Tageszeitung – und in die entstehende Lücke drängen kommerzielle Stadtportale, Verzeichnisse und Community-Seiten. Was diese Angebote leisten, unterscheidet sich allerdings grundlegend von dem, was eine Lokalredaktion tut.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wer heute nach dem Öffnungstag des örtlichen Wertstoffhofs, dem Programm des Stadtfests oder einem Handwerker in der Nähe sucht, landet immer seltener bei der Lokalzeitung. Stattdessen erscheinen Portale, die Branchenverzeichnis, Veranstaltungskalender und Nachrichtenschnipsel in einer Oberfläche bündeln – betrieben von kleinen Anbietern, oft für mehrere Städte parallel, finanziert über Einträge und Werbung. Solche Angebote wachsen genau dort, wo klassische Redaktionen kleiner werden.

Der Befund: weniger Titel, größere Gebiete

Dass sich die lokale Presselandschaft ausdünnt, ist inzwischen empirisch gut dokumentiert. Auswertungen zur Entwicklung der wirtschaftlich unabhängigen lokalen Tageszeitungen zeigen für die Jahrzehnte seit 1992 einen deutlichen Rückgang: Kam damals im Schnitt noch etwa das Zweieinhalbfache eines Titels auf jeden Landkreis, liegt der Wert heute näher bei einem einzigen. In etwa jedem zweiten Landkreis existiert nur noch eine Tageszeitung. Von „Nachrichtenwüsten“ nach US-amerikanischem Muster – ganze Regionen ohne jede lokale Berichterstattung – spricht die Forschung für Deutschland bislang nicht; von „weißen Flecken“ und drohenden Lücken dagegen sehr wohl.

Der Rückgang verläuft dabei nicht nur über Einstellungen ganzer Titel. Häufiger wird der Mantel geteilt, werden Lokalredaktionen zusammengelegt, Außenstellen geschlossen und Berichtsgebiete vergrößert. Formal existiert die Zeitung weiter, faktisch schrumpft die Zahl der Menschen, die im Kreisgebiet unterwegs sind und Termine wahrnehmen.

Was Portale können – und was nicht

In diese Lücke stoßen sehr unterschiedliche Akteure: ehrenamtliche Nachbarschaftsseiten, Facebook-Gruppen, kommunale Amtsblätter mit ausgebautem Onlineteil und eben kommerzielle Stadtportale. Letztere positionieren sich meist als Einstiegspunkt für lokale Angebote und nicht als Redaktion; ihr Kerngeschäft sind Sichtbarkeit für Betriebe und strukturierte Informationen – Öffnungszeiten, Termine, Adressen, Serviceartikel.

Das ist für Nutzer durchaus nützlich, ersetzt aber eine andere Funktion nicht. Recherchierende Lokalberichterstattung heißt: in der Ratssitzung sitzen, den Haushaltsplan lesen, beim Landratsamt nachfragen, gegen Widerstand publizieren. Diese Arbeit ist teuer, konfliktträchtig und lässt sich kaum über Verzeichniseinträge refinanzieren. Ein Portal, dessen Erlöse von den örtlichen Gewerbetreibenden kommen, hat zudem strukturell wenig Anreiz, über ebendiese kritisch zu schreiben – ein Interessenkonflikt, den seriöse Anbieter durch klare Trennung von redaktionellem Teil und Werbung entschärfen müssten.

Warum das mehr als eine Medienfrage ist

Studien zum kommunalen Bereich verweisen regelmäßig auf denselben Zusammenhang: Wo lokale Berichterstattung fehlt, sinken Wahlbeteiligung und Kenntnis kommunalpolitischer Vorgänge, während Gerüchte und Plattformöffentlichkeiten an Gewicht gewinnen. Kontrolle über Verwaltung, Stadtwerke oder Bauprojekte funktioniert schlechter, wenn niemand routinemäßig hinschaut. Hinzu kommt ein Befund aus dem Langzeitmonitoring zum Lokaljournalismus: Wer vor Ort berichtet, sieht sich zunehmend Anfeindungen ausgesetzt, in ostdeutschen Regionen ausgeprägter als anderswo – ein Faktor, der die Nachwuchsgewinnung zusätzlich erschwert.

Als Antworten diskutiert werden unter anderem Stiftungsmodelle, gemeinnützige Redaktionen, Genossenschaften und – politisch umstritten – öffentliche Förderung der Zustellung oder digitaler Angebote. Jede Variante wirft die Frage nach Unabhängigkeit auf, sobald der Geldgeber selbst Gegenstand der Berichterstattung sein kann.

Für die einzelne Kommune bleibt vorerst ein Nebeneinander: ein Portal für die Orientierung, eine ausgedünnte Redaktion für die Einordnung, dazu Amtsblatt und soziale Netzwerke. Die praktische Konsequenz für Leserinnen und Leser besteht darin, zu erkennen, welches Angebot gerade welche Rolle spielt – und dass ein gut gepflegter Veranstaltungskalender noch keine Aufsicht über den Stadtrat ist.


Redaktionelle Einordnung eines Medientrends auf Basis öffentlich zugänglicher Studien zur Entwicklung des Lokaljournalismus.