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Wenn das Publikum zum Datensatz wird: Berliner Hochschulprojekt seziert KI und Neurotechnik auf der Ars Electronica

Studierende der HTW Berlin zeigen in Linz fünf Installationen, die KI-Profiling und Hirnschnittstellen nicht erklären, sondern am eigenen Körper erfahrbar machen – ein Blick auf eine bemerkenswerte Ausstellungspraxis.

Von Anton · · 3 Min. Lesezeit

Wer im September das Ars-Electronica-Festival in Linz besucht, kann sich von einer Maschine verhören lassen, die aus Antworten und Verhalten einen "Truth Score" errechnet. Oder er setzt sich ein EEG-Headset auf und sieht zu, wie die eigene Hirnaktivität als digitale Parallel-Präsenz mit synthetischer Stimme weiterexistiert. Beide Erfahrungen gehören zu "Age of Monsters", einer Ausstellung des Studiengangs Kommunikationsdesign der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, die vom 9. bis 13. September 2026 in der Campus Exhibition des Festivals zu sehen sein wird.

Kunst, die nicht erklärt, sondern übertreibt

Das Festivalmotto lautet in diesem Jahr "Zukunft beginnt – Negotiating Humanity", und die Berliner Ausstellung nimmt es wörtlich. Ausgangspunkt ist laut den Kuratoren die Beobachtung, dass Künstliche Intelligenz und Neurotechnologien längst zu Infrastrukturen geworden sind, die Verhalten, Gefühle und Überzeugungen in Profile, Scores und Wahrscheinlichkeiten übersetzen. Das titelgebende "Monster" entstehe dabei nicht im Programmcode selbst, sondern im Zusammenspiel aus Datenhunger, Vorhersagelogik und verschobener Verantwortung – so die kuratorische These von Prof. Andreas Ingerl, Marcel Bückner und Thomas Kemnitz.

Der methodische Kniff: Die fünf studentischen Arbeiten erklären diese Systeme nicht, sie überziehen deren Logik so lange, bis sie kippt. Besucherinnen und Besucher sind dabei nicht Publikum, sondern Versuchsmaterial.

Fünf Versuchsanordnungen

Die Installation "DOXA" klont Besucher in KI-Agenten, deren Persönlichkeiten geteilte Fakten innerhalb von Filterblasen mutieren lassen – ein Experiment darüber, wie aus Tatsachen verhandelbare Gruppen-Wahrheiten werden. "Threshold" dreht die Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Medien um: Wer 90 Sekunden regungslos sitzt, wird von einem System aus Kamera- und EEG-Daten gezielt aus der Ruhe gebracht. "I'm always here for you" lässt zwei KI-Avatare über Beziehungen sprechen; wer näher tritt, wird Teil des Gesprächs – eine Anordnung über digitale Einsamkeit und algorithmisch vermittelte Nähe. "The Verification" steckt Besucher in ein immersives VR-Verhör samt Wahrheits-Punktestand, und "EGO" macht das eigene Gehirnsignal zum öffentlich ausgestellten Datensatz.

Warum das mehr ist als Hochschul-Folklore

Interessant ist der Zeitpunkt. Brain-Computer-Interfaces wandern gerade aus den Laboren in Konsumprodukte, EEG-Stirnbänder werden als Meditations- und Gaming-Zubehör vermarktet, und die europäische KI-Regulierung ringt darum, wo emotionale Auswertung und Social Scoring enden müssen. Genau diese Grauzone – dieselbe Technik kann Unterstützung oder Kontrollapparat sein – ist das erklärte Thema der Ausstellung. Medienkunst übernimmt hier eine Aufgabe, die Fachaufsätze und Regulierungsdebatten selten leisten: Sie macht abstrakte Datenpraktiken körperlich spürbar, inklusive des Unbehagens.

Bemerkenswert ist auch die Kontinuität: Der Studiengang ist nach eigenen Angaben im sechsten Jahr in Folge auf dem Festival vertreten, 2021 richtete er einen eigenen Berliner Ableger aus, seit 2022 steht er fünfmal nacheinander in der Campus Exhibition in Linz. Dass eine Fachhochschule sich so dauerhaft auf dem nach verbreiteter Einschätzung wichtigsten Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft behauptet, ist keine Selbstverständlichkeit – und sagt einiges darüber, wie ernst gestalterische Studiengänge inzwischen die kritische Auseinandersetzung mit KI nehmen, statt sie nur als Werkzeug zu unterrichten.

Für Interessierte in Berlin gibt es übrigens eine Gelegenheit vor dem Festival: Bis Ende Juli lässt sich das Team laut Hochschulangaben in der Vorbereitungsphase in Berlin-Oberschöneweide besuchen, bevor die Arbeiten Anfang September nach Linz umziehen.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Mitteilungen der HTW Berlin und des Informationsdienstes Wissenschaft (idw).

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