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Weide ohne Draht: Warum virtuelle Zäune den Praxistest bestehen

GPS-Halsband statt Elektrodraht: Eine Göttinger Studie zeigt, dass Rinder unsichtbare Weidegrenzen ähnlich zuverlässig respektieren wie klassische Zäune – und was das für das Weidemanagement bedeutet.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Wer an Weidehaltung denkt, denkt an Pfähle, Draht und Batteriegeräte. Genau dieses Bild könnte sich in den kommenden Jahren verändern: Sogenannte virtuelle Zäune ersetzen den physischen Draht durch GPS-Halsbänder, die den Tieren eine unsichtbare Grenze signalisieren. Eine aktuelle Studie der Universität Göttingen liefert nun Hinweise darauf, dass diese Technik im Alltag verlässlicher funktioniert, als Skeptiker lange vermutet haben.

Wie die unsichtbare Grenze funktioniert

Das Prinzip ist schnell erklärt: Die Rinder tragen Halsbänder, die per GPS ihre Position erfassen. Nähert sich ein Tier der digital festgelegten Weidegrenze, gibt das Halsband zunächst einen Warnton ab. Ignoriert das Tier die akustische Warnung, folgt ein elektrischer Impuls. Nach Angaben der Göttinger Forschungsgruppe lernen die Tiere diese Abfolge vergleichsweise schnell: Sie verknüpfen den Ton mit dem unangenehmen Reiz und drehen im Regelfall bereits beim Warnsignal ab – der Impuls wird damit zur Ausnahme.

Was die Göttinger Studie untersucht hat

Interessant an der nun veröffentlichten Untersuchung ist vor allem die Fragestellung. Frühere Auswertungen des Versuchs hatten keine nennenswerten Verhaltensunterschiede zwischen virtuell und klassisch eingezäunten Tieren gezeigt. Das Team um Erstautorin Natascha Grinnell von der Abteilung Graslandwissenschaft wollte deshalb genauer wissen, ob sich Effekte womöglich nur in unmittelbarer Nähe der Grenze zeigen. Dazu wurden die GPS-Bewegungsdaten von 31 Färsen zwei Zonen zugeordnet – dem Randbereich der Weide und der Weidemitte – und miteinander verglichen.

Das zentrale Ergebnis: Entscheidend war nicht, welcher Zauntyp die Fläche begrenzte, sondern dass die Tiere überhaupt eine Grenze wahrnahmen. Unabhängig vom System hielten sich die Rinder seltener in den Randbereichen auf, bewegten sich dort langsamer und nutzten bevorzugt die Mitte der Fläche. Bei virtueller Einzäunung verteilten sich die Tiere sogar gleichmäßiger über die Weide. Aus Sicht der Forschenden sind virtuelle Zäune damit aus Tierschutzperspektive nicht grundsätzlich problematischer als herkömmliche Elektrozäune – so formuliert es die Universität in ihrer Mitteilung. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Animal" erschienen.

Warum das Thema für die Praxis relevant ist

Für Weidebetriebe ist der Zaunbau einer der größten Arbeits- und Kostenblöcke überhaupt – gerade in unwegsamem Gelände, an Gewässern, in Moorgebieten oder bei häufig wechselnden Parzellen. Virtuelle Systeme versprechen hier Flexibilität: Grenzen lassen sich per App verschieben, Teilflächen können tageweise zugeteilt werden, und aufwendige Kontrollgänge entlang kilometerlanger Zäune entfallen. Auch für Naturschutzflächen, auf denen feste Zäune unerwünscht sind, gilt die Technik als interessant.

Gleichzeitig bleiben offene Fragen. Die Halsbänder und die zugehörigen Systemgebühren kosten Geld, der Mobilfunk- und GPS-Empfang muss zuverlässig sein, und die tierschutzrechtliche Bewertung elektrischer Impulse wird in Deutschland weiterhin diskutiert. Ob und unter welchen Auflagen sich die Systeme flächendeckend etablieren, dürfte deshalb nicht allein von der Forschung, sondern auch von Behörden und Kostenrechnungen der Betriebe abhängen.

Einordnung

Die Göttinger Ergebnisse reihen sich in eine wachsende Zahl internationaler Studien ein, die virtuelle Zäune von einer Nischenidee zur ernsthaften Option für das Weidemanagement machen. In Ländern wie Norwegen oder Australien sind entsprechende Systeme bereits in größerem Umfang im Einsatz. Für die deutsche Weidewirtschaft, die unter Arbeitskräftemangel und Kostendruck steht, könnte die Technik mittelfristig ein Baustein sein, um Weidehaltung überhaupt wirtschaftlich zu halten – ausgerechnet die traditionsreichste Haltungsform würde damit zu einer der digitalsten. Die Forschenden stellen ihre Ergebnisse Anfang Juli auch bei einem Feldtag im brandenburgischen Alt Madlitz vor.


Redaktionelle Einordnung auf Basis einer Pressemitteilung der Universität Göttingen (via Informationsdienst Wissenschaft). Die zitierten Befunde geben den Stand der genannten Studie wieder.

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