Raus aus der Cloud der Konzerne: Wie „digitale Souveränität" vom Schlagwort zum Lehrstoff wird
Steigende Abopreise, Datenschutzfragen und Geopolitik lassen Behörden und Unternehmen über Alternativen zu Big-Tech-Software nachdenken. Eine Hochschule in Bremerhaven zeigt, wie Open-Source-Kompetenz zum Lehrstoff wird – und die Politik baut am Deutschland-Stack.
Jahrelang war es eine Selbstverständlichkeit: Wer digital arbeiten wollte, kaufte Software bei den großen US-Konzernen – Bürosuite, Videokonferenz, Cloud-Speicher, alles aus einer Hand. Inzwischen bröckelt diese Selbstverständlichkeit. Steigende Abopreise, datenschutzrechtliche Bedenken und eine unruhigere geopolitische Lage lassen Behörden, Unternehmen und Hochschulen neu rechnen. Unter dem Stichwort „digitale Souveränität" wird diskutiert, wie viel Abhängigkeit von einzelnen Tech-Anbietern sich Europa noch leisten will – und was Alternativen praktisch bedeuten.
Eine Hochschule als Frühindikator
Wie ernst das Thema inzwischen genommen wird, zeigt ein Blick in die Lehre. Die Hochschule Bremerhaven etwa richtet ihre Informatikstudiengänge nach eigenen Angaben seit Jahren konsequent auf Open-Source-Technologien aus. Studierende lernen dort nicht nur, quelloffene Software einzusetzen, sondern auch, eigene Infrastruktur zu betreiben: Eine studentisch mitgetragene Infrastrukturgruppe administriert Server, testet Anwendungen und baut die Lern- und Lehrumgebung selbst auf.
Bemerkenswert ist die Vorgeschichte: Als in der Corona-Zeit viele Hochschulen hastig zu kommerziellen Videokonferenzdiensten griffen, liefen in Bremerhaven laut der Hochschule bereits erprobte offene Systeme wie Jitsi und BigBlueButton auf eigenen Servern – später ergänzt um den dezentralen Messenger Matrix, der ohne Angabe einer Telefonnummer auskommt. Der Nebeneffekt: Wenn die Software im eigenen Haus läuft, bleiben auch die Daten dort.
Die Politik zieht nach
Was lange als Liebhaberei von Open-Source-Enthusiasten galt, ist inzwischen offizielle Regierungslinie. Mit dem sogenannten Deutschland-Stack arbeitet das Bundesdigitalministerium an einer nationalen Technologie-Plattform für die Digitalvorhaben des Staates – ausdrücklich auf Basis offener Standards, quelloffener Software und offener Schnittstellen. Der Sovereign Cloud Stack, ein offener Standard für Cloud-Infrastrukturen, ist darin laut Mitteilung als verbindlicher Baustein für Managed Services und Cloud-Dienste vorgesehen. Genau solche Standards fließen mittlerweile in Lehrveranstaltungen ein: In Bremerhaven haben sich Studierende ein Semester lang mit dem Sovereign Cloud Stack beschäftigt, ihn aufgesetzt, analysiert und in Teilen nachgebaut.
Warum die Wirtschaft hinschauen sollte
Für Unternehmen ist das Thema längst nicht mehr nur eine Frage der Haltung. Wer geschäftskritische Prozesse auf Mietsoftware eines einzelnen Anbieters stützt, ist von dessen Preis- und Produktentscheidungen abhängig – und im Zweifel auch von politischen Entwicklungen in dessen Heimatmarkt. Hinzu kommt der Datenschutz: Gerade im öffentlichen Sektor und in regulierten Branchen wird der Transfer personenbezogener Daten an außereuropäische Anbieter regelmäßig zum Compliance-Problem. Absolventinnen und Absolventen, die offene Alternativen nicht nur bedienen, sondern auswählen, anpassen und betreiben können, dürften auf dem Arbeitsmarkt entsprechend gefragt sein.
Kein Selbstläufer
Bei aller Aufbruchstimmung lohnt ein nüchterner Blick. Open Source ist kein Synonym für Souveränität: Auch quelloffene Systeme müssen gehostet, gewartet, abgesichert und weiterentwickelt werden – das kostet Personal und Know-how, das vielerorts fehlt. Ein Umstieg mitten im laufenden Betrieb ist teuer und riskant, und nicht für jede Spezialanwendung existiert eine gleichwertige offene Alternative. Die Erfahrung aus Bremerhaven deutet allerdings darauf hin, dass sich das Kompetenzproblem lösen lässt, wenn der Umgang mit offener Infrastruktur früh und praktisch gelernt wird – nicht als Zusatzmodul, sondern als Normalfall.
Ob „digitale Souveränität" am Ende mehr wird als ein weiteres Buzzword, entscheidet sich damit weniger in Strategiepapieren als in Serverräumen, Lehrplänen und IT-Budgets. Die Richtung aber scheint gesetzt: Die Frage lautet immer seltener, ob man Abhängigkeiten reduzieren will – sondern in welchem Tempo.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen, u.a. einer Mitteilung des Informationsdienstes Wissenschaft (idw) zur Hochschule Bremerhaven.
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