Wenn Maschinen die eigentlichen Leser sind: Wie KI-Crawler das Web verändern
Ein Berliner Kunstprojekt bedankt sich ironisch bei seinen „treuesten Lesern" – lauter Maschinen. Der Scherz trifft einen ernsten Punkt: Auf immer mehr Websites sind automatisierte Programme längst das größere Publikum als der Mensch.
Es ist eine Pointe, die sich fast von selbst schreibt: Ein Berliner Kunstprojekt verkündete dieser Tage stolz die Aufrufzahlen einer seiner Pressemitteilungen – und dankte dafür ausdrücklich nicht seinen menschlichen Lesern, sondern den KI-Crawlern und automatisierten Systemen, die den Text nach eigener, ironischer Darstellung zehntausendfach abgerufen hätten, „ohne dass auch nur ein Mensch seine begrenzte Lebenszeit mit ihm verschwenden musste". Hinter der Satire steckt eine Beobachtung, die längst über die Kunstszene hinausreicht: Ein wachsender Teil dessen, was im Netz „gelesen" wird, liest kein Mensch mehr.
Die Maschinen sind in der Mehrheit
Wie groß dieser Anteil inzwischen ist, zeigt der viel beachtete „Bad Bot Report" des Sicherheitsanbieters Imperva. Nach dessen Auswertung für das Jahr 2024 stammte erstmals seit einem Jahrzehnt mehr als die Hälfte des weltweiten Web-Traffics – rund 51 Prozent – nicht von Menschen, sondern von automatisierten Programmen. Gut ein Drittel des gesamten Verkehrs entfiel dabei laut Bericht auf sogenannte „bad bots", also unerwünschte oder schädliche Automaten. Als Treiber nennt der Anbieter ausdrücklich den Aufstieg generativer KI, die das Erstellen und Betreiben von Bots massiv vereinfacht habe.
Bots sind dabei nicht gleich Bots. Ein Teil erfüllt legitime Aufgaben: Suchmaschinen-Crawler indexieren Seiten, Monitoring-Dienste prüfen die Verfügbarkeit, Preisvergleiche sammeln Daten. Neu ist das massenhafte Auftreten von KI-Crawlern, die Inhalte einsammeln, um große Sprachmodelle zu trainieren oder um in Echtzeit Fragen zu beantworten – ein Verfahren, das in der Fachsprache „Retrieval-Augmented Generation" heißt.
Ein Publikum, das nicht klickt, kauft oder kommentiert
Für Website-Betreiber verändert das die Grundrechnung des Publizierens. Jahrzehntelang galt: Wer Inhalte ins Netz stellt, will Menschen erreichen – die lesen, verweilen, klicken und im besten Fall etwas kaufen. Ein maschinelles Publikum verhält sich anders. Es verursacht Serverlast und Kosten, hinterlässt aber weder Werbeeinnahmen noch Kundschaft. Und es verwertet Inhalte oft, ohne die Quelle zu besuchen: Wer eine Antwort direkt vom KI-Assistenten bekommt, klickt sich nicht mehr zur ursprünglichen Website durch.
Genau hier liegt der wunde Punkt. Wenn Suchmaschinen und Chatbots Inhalte zusammenfassen und die Antwort gleich mitliefern, sinkt der Anreiz, die Originalseite überhaupt aufzurufen. Verlage, Fachportale und kleine Blogs berichten von rückläufigem Referral-Traffic – bei gleichzeitig steigender Crawler-Aktivität. Salopp gesagt: Die Maschinen lesen mehr, die Menschen kommen seltener vorbei.
Der Streit um die Spielregeln
Rechtlich und technisch ist die Lage im Fluss. Über die Datei „robots.txt" können Betreiber Crawlern seit jeher signalisieren, welche Bereiche sie meiden sollen – doch das ist eine Bitte, keine Sperre, und nicht jeder Bot hält sich daran. Parallel entstehen neue Werkzeuge: Content-Delivery-Netzwerke bieten an, KI-Crawler gezielt zu blockieren oder kostenpflichtig zu machen, und einzelne Verlage schließen Lizenzverträge mit KI-Anbietern über die Nutzung ihrer Archive. Ob daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell wird oder ein juristischer Dauerkonflikt, ist offen.
Klar ist nur, dass die Frage „Für wen schreibe ich eigentlich?" neu beantwortet werden muss. Manche Anbieter beginnen bereits, Inhalte so aufzubereiten, dass sie von Maschinen gut verarbeitet werden – strukturierte Daten, klare Zusammenfassungen, maschinenlesbare Formate. Das erwähnte Kunstprojekt treibt diesen Gedanken auf die Spitze und erklärt kurzerhand, es schreibe seine Texte ohnehin „nicht von, sondern für KI".
Was bleibt für den Menschen?
So zugespitzt das klingt, es verweist auf eine reale Weichenstellung. Je mehr Inhalte primär für den maschinellen Konsum entstehen, desto wichtiger wird die Unterscheidung, was eigentlich noch für Menschen gedacht ist – und welchen Wert ein Text hat, den am Ende niemand mit eigenen Augen liest. Der ironische Dank an die Bots ist deshalb mehr als ein Gag: Er hält der digitalen Öffentlichkeit einen Spiegel vor, in dem das eigentliche Publikum immer öfter aus Software besteht.
Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Netz-Trend redaktionell ein. Die genannten Reichweitenzahlen des Kunstprojekts sind dessen eigene, satirisch gerahmte Angaben; die Marktdaten stammen aus dem öffentlich verfügbaren Bericht eines Sicherheitsanbieters.