Kein Mangel an Nachrichten: Warum uns nicht Information fehlt, sondern Orientierung
Nie war Wissen so verfügbar wie heute – und selten fühlten sich so viele Menschen so ratlos. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man eine mehr als 50 Jahre alte Beobachtung ernst nimmt: Wo Information im Überfluss vorhanden ist, wird die Aufmerksamkeit zur eigentlichen Mangelware.
Es ist ein vertrautes Gefühl: Man hat den ganzen Tag Nachrichten gelesen, Podcasts gehört, durch soziale Netzwerke gescrollt – und weiß am Abend trotzdem nicht recht, was man von der Welt halten soll. In Beratungs- und Marketingkreisen kursiert dafür seit einiger Zeit eine griffige Formel: Menschen hätten heute kein Informationsproblem mehr, sondern ein Orientierungsproblem. Der Satz ist eingängig, aber er ist keine bloße Werbephrase. Er beschreibt ein Phänomen, das die Forschung seit Jahrzehnten kennt.
Ein Gedanke aus dem Jahr 1971
Schon 1971 formulierte der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert A. Simon einen Gedanken, der heute aktueller wirkt als damals. In einer informationsreichen Welt, schrieb er sinngemäß, erzeuge der Reichtum an Information einen Mangel an etwas anderem – nämlich an Aufmerksamkeit. Denn Information verbraucht die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger. Je mehr davon auf uns einströmt, desto knapper wird die begrenzte Ressource, mit der wir sie verarbeiten könnten.
Aus dieser Beobachtung ist inzwischen ein ganzes Forschungsfeld geworden, das unter dem Stichwort „Aufmerksamkeitsökonomie" firmiert. Der Kerngedanke bleibt derselbe: Nicht die Verfügbarkeit von Wissen ist der Engpass, sondern unsere Fähigkeit, aus der Fülle das Wichtige herauszufiltern, einzuordnen und in Zusammenhänge zu bringen. Genau diese Einordnung meint das Wort Orientierung.
Warum mehr nicht besser ist
Die Digitalisierung hat den von Simon beschriebenen Effekt ins Extreme getrieben. Jeder Mensch mit einem Smartphone hat heute Zugang zu mehr Information, als er in mehreren Leben verarbeiten könnte. Der Grenznutzen der nächsten Nachricht sinkt dabei rapide: Die tausendste Meldung des Tages macht uns nicht klüger, sondern häufig nur erschöpfter. Psychologisch spricht einiges dafür, dass ein Zuviel an Auswahl und Reizen die Entscheidungsfähigkeit eher lähmt als beflügelt.
Hinzu kommt, dass die Systeme, die uns Information zuspielen, nicht auf Orientierung optimiert sind, sondern auf Aufmerksamkeit. Was klickt, wird gezeigt; was einordnet, ist oft unspektakulär und geht unter. So entsteht eine paradoxe Lage: Der Strom wird immer breiter, aber er trägt uns nicht unbedingt dorthin, wo wir Überblick gewännen. Die Fähigkeit, den Strom zu lesen, wird zur eigentlichen Kompetenz.
Orientierung als Handwerk
Was folgt daraus für den Alltag? Vor allem, dass Orientierung nicht durch noch mehr Konsum entsteht, sondern durch dessen bewusste Begrenzung. Wer weniger, dafür ausgewählte Quellen gründlich liest, ist am Ende oft besser informiert als jemand, der ununterbrochen alles überfliegt. Zwischenschritte helfen: sich zu fragen, was eine Meldung für das eigene Leben bedeutet, sie mit dem abzugleichen, was man schon weiß, und Themen über die Zeit zu verfolgen statt in Momentaufnahmen. Auch das Aushalten von Unsicherheit gehört dazu – nicht jede Frage muss sofort beantwortet sein.
Das ist unbequemer, als es klingt, weil es gegen die Bauart der meisten digitalen Angebote läuft. Doch die Verschiebung, die Simon vor über einem halben Jahrhundert vorhersah, macht sie unausweichlich. In einer Welt, in der Information praktisch kostenlos und unbegrenzt ist, wird der bewusste, sparsame Umgang mit der eigenen Aufmerksamkeit zum entscheidenden Unterschied. Orientierung ist dann kein Zustand, den man erreicht, sondern eine Übung, die man täglich neu betreibt.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er ersetzt keine wissenschaftliche oder psychologische Beratung.