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Heizen mit dem Wasserhahn-Netz: Warum Forscher das Trinkwassernetz als Wärmequelle entdecken

In dichten Innenstädten fehlt Platz für Erdwärme – ein Forschungsprojekt testet nun in Bremen und Lüneburg, ob das Trinkwassernetz als Wärmequelle für Wärmepumpen taugt.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Wärmepumpen gelten als zentraler Baustein der Wärmewende – doch in dicht bebauten Innenstädten stoßen sie an ein praktisches Problem: Es fehlt schlicht der Platz für Erdwärmesonden oder großflächige Außengeräte. Ein Forschungsprojekt unter Beteiligung der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften untersucht nun eine Wärmequelle, die in jeder Straße bereits liegt: das Trinkwassernetz.

Ein Netz, das es schon gibt

Die Idee hinter dem Verbundvorhaben mit dem Namen „WaTsup" („Wärme aus Trinkwasser – sicher und praktikabel") klingt zunächst ungewohnt, folgt aber einer einfachen Logik. Trinkwasserleitungen durchziehen flächendeckend jede Stadt und führen das ganze Jahr über Wasser mit einer vergleichsweise konstanten Temperatur. Diese thermische Energie ließe sich – so der Ansatz der Forschenden – über Wärmepumpen anzapfen und zum Heizen von Gebäuden nutzen, ohne dass neue Leitungen verlegt oder Bohrungen niedergebracht werden müssten.

Gerade für Innenstädte könnte das ein fehlendes Puzzleteil sein. Während auf dem Land Erdsonden, Flächenkollektoren oder Luftwärmepumpen relativ problemlos installiert werden können, konkurrieren in urbanen Quartieren Tiefgaragen, Leitungstrassen und dichte Bebauung um jeden Quadratmeter Untergrund. Ein bereits vorhandenes, engmaschiges Netz als Wärmequelle zu erschließen, würde diese Flächenkonkurrenz umgehen.

Nebeneffekt: kühleres Trinkwasser

Interessant ist ein zweiter Aspekt, den die Projektbeteiligten anführen: Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen im Trinkwassernetz tendenziell an – was aus hygienischer Sicht problematisch werden kann, weil sich bestimmte Keime in wärmerem Wasser wohler fühlen. Wird dem Leitungswasser gezielt Wärme entzogen, könnte das laut den Forschenden diesem Temperaturanstieg entgegenwirken. Die Wärmegewinnung hätte damit potenziell einen doppelten Nutzen: Heizenergie für Gebäude und stabilere Bedingungen im Netz.

Warum das bisher kaum jemand macht

Technisch neu ist der Gedanke nicht – in einzelnen Ländern existieren bereits Anlagen, die Wärme aus Trinkwassersystemen gewinnen. In Deutschland gibt es nach Angaben der Projektbeteiligten bislang jedoch kaum praktische Beispiele. Als Gründe werden ungeklärte technische Fragen und vor allem fehlende Genehmigungsverfahren genannt. Wer Wärmetauscher in ein Trinkwassernetz einbauen will, bewegt sich in einem regulatorischen Graubereich: Die Trinkwasserhygiene ist in Deutschland streng geschützt, und es existieren schlicht keine etablierten Verfahren, nach denen Versorger eine solche Nutzung beantragen und genehmigen lassen könnten.

Genau hier setzt das Projekt an. In den Modellregionen Bremen und Lüneburg soll an zwei bestehenden Anlagen sowie einer neuen Pilotanlage untersucht werden, wie sich die Wärmegewinnung sicher und hygienisch einwandfrei umsetzen lässt. Am Ende sollen praxistaugliche Leitlinien für Netzbetreiber stehen – und konkrete Empfehlungen, wie der rechtliche Rahmen angepasst werden müsste.

Breite Beteiligung aus der Versorgungswirtschaft

Bemerkenswert ist die Zusammensetzung des Konsortiums: Neben der Ostfalia sind das IWW Institut für Wasserforschung aus Mülheim an der Ruhr als Gesamtprojektleitung, die Avacon Wasser GmbH aus Wolfenbüttel und die swb Service GmbH aus Bremen beteiligt. Zwölf weitere Unternehmen aus der Versorgungswirtschaft begleiten das Vorhaben als assoziierte Partner – ein Hinweis darauf, dass die Branche dem Thema mehr als akademisches Interesse entgegenbringt. Gefördert wird das dreijährige Projekt vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mit rund 620.000 Euro aus dem 8. Energieforschungsprogramm.

Einordnung: kein Ersatz, aber ein Baustein

Realistisch betrachtet wird das Trinkwassernetz die Wärmeversorgung deutscher Innenstädte nicht allein stemmen – die entnehmbare Wärmemenge ist begrenzt, und die Hygieneanforderungen setzen enge Grenzen. Als ergänzende Quelle im Mix mit Fernwärme, Abwasserwärme und klassischen Wärmepumpen könnte der Ansatz aber dort wertvoll werden, wo andere Optionen ausscheiden. Ob daraus mehr wird als ein Pilotprojekt, dürfte sich bis zum Projektende im Sommer 2029 zeigen – und hängt nicht zuletzt davon ab, ob der Gesetzgeber die empfohlenen Genehmigungswege tatsächlich schafft.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen, u. a. einer Pressemitteilung der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften.

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