Die unterschätzte Gefahr Leiter: Warum Betriebe ihre Steigtechnik neu denken
Stürze aus der Höhe gehören zu den häufigsten und teuersten Arbeitsunfällen in Deutschland. Im Mittelpunkt steht oft ein ganz alltägliches Werkzeug: die Leiter. Eine Einordnung, warum sich beim Thema Steigtechnik gerade ein Umdenken vollzieht.
Sie steht in fast jeder Werkstatt, in jedem Lager und auf jeder Baustelle: die Leiter. Kaum ein Arbeitsmittel ist so verbreitet und wird so selbstverständlich genutzt – und kaum eines ist an so vielen Unfällen beteiligt. Während spektakuläre Abstürze von Gerüsten oder Dächern die Schlagzeilen bestimmen, passiert das Gros der Unfälle im Verborgenen, auf den letzten zwei Metern über dem Boden. Hersteller von Steigtechnik werben inzwischen mit ganzheitlichen Sicherheitskonzepten statt mit einzelnen Produkten. Dahinter steht ein Umdenken, das weit über die Branche hinausreicht.
Eine nüchterne Zahl mit großer Wirkung
Die Statistik der gesetzlichen Unfallversicherung zeichnet ein deutliches Bild. Stürze aus der Höhe gehören zu den schwersten Arbeitsunfällen überhaupt: Im Zeitraum 2013 bis 2022 ereigneten sich laut Auswertungen der DGUV im Jahresdurchschnitt fast 40.000 Absturzunfälle, knapp 59 davon endeten pro Jahr tödlich. Ein erheblicher Teil dieser Unfälle hängt mit Leitern zusammen. Allein rund 23.000 Arbeitsunfälle jährlich stehen im Durchschnitt im Zusammenhang mit der Nutzung ortsveränderlicher Leitern. Besonders ins Gewicht fällt: Leiterunfälle führen besonders häufig zu neuen Unfallrenten – also zu dauerhaften gesundheitlichen Schäden. Etwa jeder sechzehnte Leitersturz ist so schwer, dass er die Erwerbsfähigkeit dauerhaft mindert.
Damit ist die Leiter für die Unfallversicherungsträger einer der kostenintensivsten Auslöser überhaupt, noch vor Dächern und Gerüsten. Das überrascht viele, weil die Leiter als harmloses Alltagsgerät gilt. Genau diese Unterschätzung ist Teil des Problems.
Warum gerade die Routine gefährlich wird
Sicherheitsfachleute weisen seit Langem darauf hin, dass Absturzunfälle selten an mangelndem Material liegen, sondern an Gewohnheit und Zeitdruck. Die schnell angelehnte Leiter, der eine Schritt zu weit zur Seite, das fehlende dritte Auge beim Aufstieg – all das sind Situationen, die im Arbeitsalltag tausendfach gut gehen und irgendwann nicht. Hinzu kommt, dass viele Tätigkeiten in wechselnden Umgebungen stattfinden: Monteure warten Anlagen und Fahrzeuge, Handwerker arbeiten mal drinnen, mal draußen, Instandhaltungsteams erreichen schwer zugängliche Stellen. Für jede dieser Situationen das passende und sichere Steiggerät bereitzuhalten, ist organisatorisch anspruchsvoller, als es zunächst klingt.
Vom Einzelprodukt zum Gesamtkonzept
Hier setzt der Trend an, den Anbieter von Steigtechnik derzeit propagieren: weg vom Verkauf einzelner Leitern und Tritte, hin zu einer Betrachtung der gesamten Arbeitsprozesse. Im Kern geht es darum, vorab zu analysieren, welche Höhenzugänge in einem Betrieb überhaupt anfallen, und dann gezielt das richtige Mittel zu wählen – ob fahrbares Gerüst, Podestleiter mit Plattform und Geländer oder fest installierte Anlage. Ergänzt wird das durch Unterweisung, regelmäßige Prüfung der Geräte und klare Zuständigkeiten. Solche Angebote sind nach Unternehmensangaben darauf ausgelegt, Sicherheit und Effizienz zugleich zu erhöhen. Ob ein konkretes Konzept hält, was es verspricht, lässt sich pauschal nicht beurteilen; der Grundgedanke deckt sich aber mit dem, was Arbeitsschutzregeln seit Jahren nahelegen.
Denn der rechtliche Rahmen ist eindeutig: Die Betriebssicherheitsverordnung und die technischen Regeln verlangen, dass für Arbeiten in der Höhe zunächst sicherere Alternativen zur Leiter geprüft werden. Die Leiter ist demnach für viele Tätigkeiten ausdrücklich nur Mittel der zweiten Wahl. In der Praxis wird dieser Grundsatz allerdings oft nicht gelebt – auch weil die Anschaffung von Plattformen oder Gerüsten teurer ist und mehr Planung erfordert.
Ein Thema für den Mittelstand
Gerade für kleinere und mittlere Betriebe ist die Frage relevant. Sie haben selten eine eigene Fachkraft für Arbeitssicherheit im Haus, tragen aber dieselbe Verantwortung wie Großkonzerne. Ein einziger schwerer Absturz kann neben dem menschlichen Leid auch betriebswirtschaftlich erhebliche Folgen haben – durch Ausfallzeiten, Regressforderungen und Haftungsfragen. Die wachsende Aufmerksamkeit für Steigtechnik ist daher weniger eine Marketingmode als die nüchterne Einsicht, dass sich Prävention in einem der unfallträchtigsten Bereiche der Arbeitswelt schlicht rechnet.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Rechts- oder Arbeitsschutzberatung. Für verbindliche Vorgaben zur Absturzsicherung im eigenen Betrieb sind die gesetzlichen Regelungen sowie die zuständige Berufsgenossenschaft maßgeblich.
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