Digitales

Der Tower ohne Turm: Warum die Flugsicherung ihre Lotsen vom Flughafen abzieht

Ein österreichischer Technologiekonzern wirbt mit digitalen Flugtürmen von Sydney bis München. Dahinter steht eine leise Umwälzung der Flugsicherung: Der Lotse sitzt nicht mehr im gläsernen Turm über der Startbahn, sondern vor einer Kamerawand – manchmal hunderte Kilometer entfernt.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Der klassische Kontrollturm gehört zu den Wahrzeichen jedes Flughafens: eine verglaste Kanzel hoch über dem Rollfeld, von der aus Fluglotsen mit eigenen Augen den Verkehr überblicken. Genau dieses Bild stellt eine Technik infrage, die derzeit vom Nischenversuch zur ernsthaften Infrastruktur wird. Anlass für einen zweiten Blick ist die Mitteilung eines österreichischen Technologiekonzerns, der nach eigenen Angaben digitale Flugtürme rund um die Welt ausstattet – von einem neuen Großflughafen bei Sydney bis zur Erprobung in München. Der Firmenname ist dabei weniger interessant als der Trend dahinter.

Kameras statt Kanzel

Ein Remote Tower – auch digitaler oder virtueller Tower genannt – ersetzt den Blick aus dem Fenster durch ein System aus hochauflösenden Kameras. Rund um den Flugplatz erfassen 360-Grad-Panoramakameras und schwenkbare Zoomkameras das Geschehen und übertragen die Bilder in Echtzeit in einen Kontrollraum. Dort sitzen die Lotsen vor einer Wand aus Monitoren, auf der das Panorama zusammengesetzt wird – oft ergänzt durch eingeblendete Radardaten, Wetterinformationen oder eine digitale Markierung einzelner Flugzeuge. Techniken, die im gläsernen Turm gar nicht möglich wären, etwa das automatische Nachverfolgen eines Objekts oder eine Verstärkung des Bildes bei Dunkelheit, kommen so hinzu.

Der entscheidende Punkt ist die räumliche Entkopplung: Der Kontrollraum muss nicht mehr am Flughafen stehen. Er kann sich in einem Zentrum befinden, das mehrere Standorte gebündelt betreut.

In Deutschland längst im Regelbetrieb

Was nach Zukunftsmusik klingt, ist an einigen deutschen Flughäfen bereits Alltag. Die Flugplätze Saarbrücken und Erfurt werden aus einem Remote-Tower-Kontrollzentrum in Leipzig gesteuert, das mehrere hundert Kilometer entfernt liegt. Dresden soll nach den vorliegenden Planungen folgen und ebenfalls in das Leipziger Zentrum eingebunden werden. Am Großflughafen München wiederum wird die Technik unter realen Bedingungen erprobt, während der bestehende Turm saniert wird – ein anschauliches Beispiel dafür, wofür ein virtueller Tower auch taugt: als Rückfallebene, wenn die eigentliche Kanzel vorübergehend ausfällt.

Getragen wird die Entwicklung in Deutschland von der Deutschen Flugsicherung gemeinsam mit dem eingangs erwähnten Technologieanbieter; für die weltweite Vermarktung haben beide ein gemeinsames Unternehmen gegründet.

Warum sich der Aufwand rechnen soll

Der wirtschaftliche Reiz liegt vor allem bei kleineren Flughäfen. Ein eigener, rund um die Uhr besetzter Turm ist teuer, während das Verkehrsaufkommen an Regionalflughäfen oft überschaubar bleibt. Werden mehrere solcher Standorte aus einem gemeinsamen Zentrum betreut, lassen sich Personal und Technik effizienter einsetzen. Hinzu kommt der Aspekt der Widerstandsfähigkeit: Fällt ein Standort aus, kann die Kontrolle grundsätzlich verlagert werden. Auch für militärische Flugplätze gilt das als Argument, weshalb Anbieter zivile und militärische Anwendungen gleichermaßen ins Feld führen.

Wo die Grenzen liegen

So bestechend das Konzept klingt, es verlagert die Sicherheitsfrage nur, statt sie aufzulösen. Ein kamerabasierter Turm steht und fällt mit der Zuverlässigkeit der Datenübertragung und der Bildqualität bei Regen, Nebel oder Gegenlicht. Wo Bilder über weite Strecken durch Netze laufen, rückt zudem die Absicherung gegen technische Ausfälle und Cyberangriffe in den Vordergrund. Und schließlich ist da die menschliche Seite: Lotsen müssen einem Monitorbild ebenso vertrauen können wie dem eigenen Blick durch die Scheibe. Zulassungsbehörden prüfen solche Systeme deshalb aufwendig, bevor sie den Regelbetrieb freigeben – gerade wenn ein Zentrum künftig mehrere Flughäfen zugleich überwachen soll.

Dass die Technik funktioniert, gilt inzwischen als belegt. Die eigentliche Frage der kommenden Jahre ist eine andere: Wie viele Türme lassen sich verantwortbar in einem einzigen Kontrollraum bündeln, ohne dass Sicherheit oder Übersicht leiden? Die Antwort darauf entscheidet, ob der digitale Tower ein Werkzeug für einzelne Sonderfälle bleibt oder zum neuen Normalfall der Flugsicherung wird.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Empfehlung für ein bestimmtes Produkt oder Unternehmen. Angaben einzelner Anbieter zu Reichweite und Leistungsfähigkeit ihrer Systeme sind als Eigenangaben zu verstehen.