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Der Kommilitone aus der Cloud: Warum fast jeder zweite Studierende KI täglich nutzt – und die Hochschulen nachziehen müssen

Eine bundesweite Befragung zeigt: Der Anteil der Studierenden, die täglich mit KI arbeiten, hat sich binnen eines Jahres fast verdoppelt. Für die Hochschulen wird aus einer Randfrage damit eine Grundsatzfrage – über Prüfungen, Täuschung und den Sinn mancher Aufgabe.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Innerhalb eines einzigen Jahres ist aus einem gelegentlichen Hilfsmittel ein ständiger Begleiter geworden. Laut einer bundesweiten Befragung nutzt inzwischen fast jeder zweite Studierende Künstliche Intelligenz täglich fürs Studium. Was nach einer nüchternen Statistik klingt, beschreibt in Wahrheit einen der schnellsten Verhaltenswandel, den Hochschulen seit der Einführung des Internets erlebt haben.

Die Zahlen

Die Erhebung, durchgeführt vom CHE Centrum für Hochschulentwicklung gemeinsam mit der Universität Bremen, befragte nach eigenen Angaben mehr als 28.000 Studierende im Wintersemester 2025/26. Das Ergebnis: 46,5 Prozent greifen demnach täglich zu Werkzeugen wie ChatGPT, weitere 34,5 Prozent zumindest wöchentlich. Nur noch 2,4 Prozent geben an, KI im Studium nie zu verwenden.

Bemerkenswert ist weniger der Stand als das Tempo. Im Jahr zuvor lag der Anteil der täglichen Nutzerinnen und Nutzer laut den Autoren erst bei 24,9 Prozent – er hat sich also nahezu verdoppelt. Damit ist der tägliche Griff zur KI binnen zwölf Monaten vom Verhalten einer Minderheit zum Normalfall geworden.

Wofür die Werkzeuge genutzt werden

Am häufigsten setzen Studierende die Programme laut Befragung für die Recherche, die Überarbeitung von Texten und das Lernen selbst ein – also für jene Tätigkeiten, die den Kern akademischer Arbeit ausmachen. Genau darin liegt die Sprengkraft: KI wird nicht am Rand des Studiums verwendet, etwa zum Formatieren einer Tabelle, sondern mitten in den Prozessen, die eine Hochschule eigentlich prüfen und bewerten will.

Für viele Lernende ist der Nutzen unmittelbar. Eine KI erklärt komplizierte Sachverhalte geduldig in eigenen Worten, formuliert holprige Absätze um oder liefert in Sekunden einen Überblick über ein unbekanntes Thema. Kritiker verweisen zugleich auf die Kehrseite: Die Systeme erfinden mitunter Quellen, geben Fehler selbstbewusst als Fakten aus und nehmen den Studierenden womöglich genau jene Denkarbeit ab, an der sie wachsen sollen.

Was das für Prüfungen bedeutet

Für die Hochschulen verschiebt sich damit eine Grundsatzfrage von der Peripherie ins Zentrum. Die klassische Hausarbeit, über Wochen allein am Schreibtisch verfasst, lässt sich kaum noch zweifelsfrei einer einzelnen Person zurechnen. Wo die Grenze zwischen erlaubter Unterstützung und Täuschung verläuft, ist an vielen Einrichtungen bislang nicht klar geregelt – und was geregelt ist, lässt sich technisch nur schwer überprüfen. Programme, die KI-Texte erkennen sollen, gelten als unzuverlässig und produzieren falsche Verdächtigungen.

Vielerorts zeichnet sich deshalb eine doppelte Reaktion ab: Einige Prüfungsformen wandern zurück in den überwachten Hörsaal, ins mündliche Gespräch oder in Formate, bei denen der Weg zur Lösung sichtbar wird und nicht nur das fertige Produkt zählt. Andere Lehrende gehen den umgekehrten Weg und bauen den Umgang mit KI bewusst in die Aufgaben ein – in der Überzeugung, dass der kompetente, kritische Einsatz dieser Werkzeuge selbst zur Qualifikation gehört, auf die es im späteren Beruf ankommt.

Wie weit trägt die Zahl?

Bei aller Deutlichkeit lohnt ein Blick auf das Kleingedruckte. Die Befragung stützt sich, wie die Autoren einräumen, in erster Linie auf Studierende der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften; ob die Werte eins zu eins für Medizin, Maschinenbau oder Geisteswissenschaften gelten, ist damit offen. Auch beruht die Statistik auf Selbstauskünften, die reale Nutzung kann höher oder niedriger liegen. Die grobe Richtung aber dürfte kaum jemand ernsthaft bestreiten: KI ist im Studienalltag angekommen, und sie verschwindet nicht wieder. Die eigentliche Frage lautet längst nicht mehr, ob Studierende diese Werkzeuge nutzen, sondern wie Hochschulen Lehre und Prüfungen so umbauen, dass sie noch messen, was sie zu messen vorgeben.


Dieser Beitrag ordnet die Ergebnisse einer aktuellen Hochschulbefragung redaktionell ein und gibt keine Studien- oder Rechtsberatung.