Digitales

Das Etikett, das sich selbst ändert: Warum digitale Preisschilder die Regale erobern

Papierstreifen am Regal weichen zunehmend kleinen Displays, die sich per Funk aktualisieren. Hinter den elektronischen Preisschildern steckt mehr als Technikspielerei – nämlich ein leiser Umbau der Abläufe im Einzelhandel.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wer durch einen modernisierten Supermarkt oder Baumarkt geht, entdeckt an den Regalen zunehmend kleine graue Displays anstelle der vertrauten bedruckten Papierstreifen. Diese elektronischen Preisschilder – im Fachjargon Electronic Shelf Labels, kurz ESL – zeigen Preise, Grundpreisangaben und teils Zusatzinformationen an und lassen sich zentral per Funk aktualisieren. Was aussieht wie eine technische Randerscheinung, markiert einen der handfestesten Digitalisierungsschritte im stationären Handel der vergangenen Jahre.

Vom Papierstreifen zum Funk-Display

Die Idee ist nicht neu, doch erst sinkende Preise für die stromsparenden Displays und ausgereifte Funknetze haben den Rollout in die Breite getragen. Statt dass Mitarbeitende mit Ausdrucken durch die Gänge ziehen und jedes Schild von Hand tauschen, wandert ein neuer Preis heute in Sekunden aus dem Warenwirtschaftssystem an das Etikett. Große Filialketten haben in den vergangenen Monaten sichtbar investiert: In deutschen Baumärkten und Supermärkten laufen Umrüstungen im Umfang von Tausenden bis Hunderttausenden Etiketten, teils gesteuert über cloudbasierte Plattformen der Anbieter. Die Zahlen zu einzelnen Projekten stammen dabei überwiegend aus Mitteilungen der beteiligten Unternehmen und lassen sich unabhängig nur begrenzt überprüfen.

Warum Ketten umrüsten

Der meistgenannte Grund ist die Zeitersparnis. Jede Preisänderung, jede Aktion und jede gesetzlich vorgeschriebene Grundpreisangabe muss am Regal korrekt stehen – bei Sortimenten mit Zehntausenden Artikeln ein erheblicher Aufwand. Fällt das manuelle Auszeichnen weg, gewinnen Beschäftigte Zeit für Beratung und Warenpflege, so das Argument der Befürworter. Hinzu kommt die Fehlerquote: Wenn der Preis an der Kasse und am Regal aus derselben Quelle stammen, sinkt das Risiko, dass beide auseinanderlaufen – ein häufiger Anlass für Ärger an der Kasse. Auch mit Blick auf Nachhaltigkeit werben Anbieter mit eingespartem Papier, wobei dem der Ressourcenaufwand für Produktion und Entsorgung der Displays gegenübersteht.

Dynamische Preise und ihre Grenzen

Technisch erlauben die Etiketten, Preise mehrfach am Tag zu ändern – etwa um Ware kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums zu verbilligen oder auf Wettbewerber zu reagieren. Genau hier beginnt allerdings eine Debatte. Kritiker warnen vor einer Übertragung des dynamischen Preismodells aus dem Online-Handel in den Laden, bei dem Preise sich nach Tageszeit oder Nachfrage verschieben. Händler betonen bislang überwiegend, sie nutzten die Technik vor allem zur Vereinfachung, nicht für minütliche Preissprünge. Verbraucherschützer verweisen darauf, dass Preisänderungen nachvollziehbar bleiben müssen und ein wechselnder Regalpreis das Vertrauen der Kundschaft belasten kann, wenn er nicht transparent erfolgt.

Was noch offen ist

Ob sich die Investition rechnet, hängt stark von der Größe des Sortiments und der Zahl der Filialen ab. Für kleine Läden mit stabilem Angebot bleibt der Papierstreifen oft die günstigere Wahl. Für Ketten mit häufigen Aktionen dagegen gilt die Umrüstung zunehmend als Standard. Offen ist auch, wie viel Zusatznutzen die Displays über den reinen Preis hinaus entfalten – etwa als Träger von Herkunfts-, Nährwert- oder Verfügbarkeitsangaben, abrufbar per NFC-Schnittstelle am Smartphone. Klar ist bislang vor allem eines: Das unscheinbare Preisschild am Regal ist zu einem Knotenpunkt geworden, an dem Warenwirtschaft, Kassensystem und Kundenkommunikation zusammenlaufen.


Dieser Beitrag ordnet einen Branchentrend redaktionell ein und beschreibt keine einzelne Anbieterlösung. Angaben zu Marktentwicklung und einzelnen Projekten beruhen teils auf Unternehmensmitteilungen.