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Cyberangst ohne Opferbereitschaft: Wie Deutschland über digitale Sicherheit denkt

Eine aktuelle Befragung zeigt: Digitale Risiken gelten vielen Menschen als bedrohlicher als Terror oder Klimawandel. Bei persönlichen Einschnitten für mehr Sicherheit hört die Zustimmung jedoch schnell auf.

Von Anton · · 4 Min. Lesezeit

Eine Angst, die alle anderen überholt

Wenn in Deutschland nach den größten Bedrohungen für die innere Sicherheit gefragt wird, standen über Jahre Terrorismus, organisierte Kriminalität oder die Folgen des Klimawandels weit oben. Aktuelle Umfragedaten verschieben dieses Bild. Nach den Ergebnissen des TechnikRadar 2026, das vom Informationsdienst Wissenschaft verbreitet wurde, sehen rund 85 Prozent der Befragten Cyberangriffe auf Bürgerinnen und Bürger sowie KI-gestützten Betrug als zentrale Gefahr. Digitale Risiken rangieren damit vor klassischen Sicherheitsthemen – ein bemerkenswerter Stimmungswandel in einer Gesellschaft, die Technik lange vor allem mit Fortschritt und Bequemlichkeit verband.

Das TechnikRadar wird von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), der Körber-Stiftung und dem Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Universität Stuttgart getragen. Seit 2017 erhebt die Reihe regelmäßig, wie die Bevölkerung über technischen Wandel denkt. Dass nun ausgerechnet die Schattenseiten der Digitalisierung das Bedrohungsempfinden dominieren, fügt sich in eine Entwicklung ein: Phishing, Ransomware, Identitätsdiebstahl und gefälschte Stimmen oder Videos sind aus abstrakten Fachbegriffen zu Alltagserfahrungen geworden.

Der Widerspruch zwischen Sorge und Verhalten

Interessanter als die Angst selbst ist die Lücke, die sich dahinter auftut. Laut den Befragungsergebnissen ist die Bereitschaft gering, für mehr Sicherheit persönliche Einschnitte hinzunehmen – etwa beim Komfort, bei der Geschwindigkeit digitaler Dienste oder bei der Preisgabe zusätzlicher Daten zur Authentifizierung. Die Sorge ist also groß, der Wunsch nach Verhaltensänderung klein. Sozialwissenschaftlich ist dieses Muster nicht neu: Auch beim Datenschutz oder beim Klimaschutz klaffen erklärte Haltung und tatsächliches Handeln häufig auseinander. Man spricht vom sogenannten Privacy-Paradox, wenn Menschen den Schutz ihrer Daten zwar wichtig finden, ihn im Alltag aber kaum verteidigen.

Für die Cybersicherheit hat das praktische Folgen. Viele wirksame Schutzmaßnahmen – Zwei-Faktor-Authentifizierung, regelmäßige Updates, restriktive Berechtigungen, längere und einmalige Passwörter – kosten zunächst Zeit und Bequemlichkeit. Wo diese Mühe als Zumutung empfunden wird, bleibt selbst gut informierten Nutzerinnen und Nutzern oft nur ein lückenhafter Schutz. Die Befragung legt nahe, dass Aufklärung allein nicht genügt, solange sichere Verfahren als unbequem gelten.

Was die Daten für Politik und Wirtschaft bedeuten

Für staatliche Stellen und Unternehmen ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe. Einerseits steigt der Druck, kritische Infrastruktur, Verwaltung und Wirtschaft besser gegen Angriffe zu wappnen – flankiert von Regelwerken wie der NIS2-Richtlinie, die Mindeststandards für die IT-Sicherheit vieler Betriebe vorschreibt. Andererseits zeigt die geringe Bereitschaft zu persönlichen Einschnitten, dass Sicherheit nicht primär über Verbote und Mehraufwand für Einzelne durchsetzbar ist. Erfolgversprechender erscheinen Ansätze, die Schutz möglichst unsichtbar in Produkte und Dienste einbauen: sichere Voreinstellungen, Passkeys statt Passwörter, automatische Updates.

Bemerkenswert ist auch die Rolle der künstlichen Intelligenz. Sie taucht in der Wahrnehmung gleich doppelt auf – als Werkzeug der Angreifer, etwa bei täuschend echten Betrugsmaschen, und zugleich als Hoffnungsträger der Verteidigung, wenn Systeme Anomalien schneller erkennen als menschliche Analysten. Diese Ambivalenz dürfte das gesellschaftliche Verhältnis zur Technik in den kommenden Jahren weiter prägen.

Vertrauen als knappe Ressource

Hinter den nüchternen Prozentwerten steht letztlich eine Frage des Vertrauens. Eine Bevölkerung, die digitale Angriffe für die größte Sicherheitsbedrohung hält, aber wenig Eigenaufwand investieren will, signalisiert vor allem eines: Sie erwartet, dass Sicherheit von denen geliefert wird, die Technik bereitstellen. Ob Hersteller, Plattformen und Behörden dieser Erwartung gerecht werden, entscheidet darüber, ob aus diffuser Angst handfestes Misstrauen wird – oder ein realistisches Risikobewusstsein, das den Umgang mit digitaler Technik nüchterner und souveräner macht.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung aktueller Umfragedaten und keine wissenschaftliche oder sicherheitstechnische Beratung. Die genannten Befragungswerte beruhen auf Angaben zum TechnikRadar 2026.

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